miniportion 124: cassis

25 Mai
Johannisbeersaft, Köln 2013

Johannisbeersaft, Köln 2013

Einer der Höhepunkte unserer jährlichen Besuche bei der in einem Kloster im niederländische Grave befindlichen Großtante bestand nach der Ankunft in einem leichten Mittagessen. Ein Ritual, bei dem die Tante übrigens nie dabei war und das sich in gedämpfter Stille in einem der Besucherzimmer vollzog. Über der Türe hing eine gerahmte Fotografie von Königin Juliana und auf einem kleinen Servierwagen neben dem Tisch wartete eine Auswahl von watteweichen Brötchen, diversen Käsesorten und Aufschnitt. Ihr Vater habe gesagt, niederländische Wurst sei so dünn geschnitten, dass man durch sie hindurch die Zeitung lesen könnte, sagte unsere Mutter dann immer, bevor wir mit Heißhunger alles verzehrten. Für die Eltern gab es Kaffee und Tee aus der Thermoskanne, für uns Kinder Rivella oder Cassis. Die Entscheidung viel mir schwer, denn einerseits war die aus Molke hergestellte Rivella unvorstellbar exotisch, zum anderen schien mir angesichts meiner auch damals schon ausgeprägten Liebe zu allem Beerenobst, eine Limonade aus schwarzen Johannisbeeren als die Krönung aller kindgerechten Getränke.

Johannisbeeren wuchsen vor allem im unteren Teil des Gartens meiner Großmutter. Ein riesiger Strauch mit roten Beeren, die vor der Reife mit einem grünen Netz abgedeckt wurden und einige schwarze Sträucher, deren Beeren vermutlich sogar den ansässigen Amseln zu hartschalig waren. Die Ernte wurde, gemischt mit Him- und Stachelbeeren, zu ziemlich fester Marmelade verarbeitet. Ein Teil wurde manchmal auch mit Kandis in einer Kornflasche verbracht – immerhin auch eine Art Erfrischungsgetränk, aber für uns Kinder unerreichbar.

Als ich vor einigen Jahren erstmals seit Jugendtagen wieder im Burgund weilte – einem ausgewiesenen Anbaugebiet von Ribes nigrum, der schwarzen Johannisbeere – spezialisierte ich mich vor den Abendessen auf eine Mischung aus trockenem Weißwein und fruchtigem Beerenlikör namens Kir – die wahre Königin aller Limonaden.

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