miniportion 122: kasseler

23 Mai
Metzgerladen im legendären Berlin, 2008

Metzgerladen im legendären Berlin, 2008

Das Kasseler nicht aus Kassel stammt, ist mittlerweile ja eine altbekannte Sache. Erfunden wurde der Kantinenknaller von einem  gleichlautenden allerdings mit großem „C“ geschriebenen Metzger namens Johann in Berlin. In Schöneberg soll das gewesen sein, in der Potsdamer Straße, aber wie das mit Legenden so ist, der Nachweis ist schwer zu erbringen, auch wenn sich nahezu sämtliche Hauptstadtskochbücher neben Bockwurst und Boulette auch dieses Kulturmuster auf die Fahnen schreiben. Mit Sauerkraut und Kartoffelpüree. Der Rippenspeer vom Schwein, der vor dem Räuchern einige Tage in Salzlauge gepökelt wird, ist gegenwärtig in der gesamten Republik beliebt. Aus reiner Gehässigkeit ein weiterer Grund, warum die Erfindung nicht im hessischen Kassel erfolgt sein kann, da die Verbreitung aus einer Stadt in der nur alle fünf Jahre ortsfremde Menschen gesichtet werden sicherlich sehr viel langsamer verlaufen wäre.

Kasseler ist so beliebt, weil so praktisch portionierbar und außerdem durch die Doppelkonservierung so haltbar. Wächst man hingegen in einer Familie auf, die nur bestimmtes, nach erratischen Kriterien ausgesuchtes Schweinefleisch verzehrt, bleibt einem diese gutbürgerliche Spezialität leider vorenthalten. Ich weiß, wovon ich spreche – keine frische Bratwurst, kein Schnitzel und auch kein Kasseler. Das habe ich später nachholen müssen, denn Kasseler mit dicker Soße (nach dem Abkühlen schnittfest und als Außenhaut für Ariane-Raketen zu verwenden), Salzkartoffeln und Bohnensalat gehörte zu den festen Bestandteilen unserer Besuche bei der Großmutter meines Mannes. Im Laufe der Jahre wuchsen die beim Metzger gekauften Stücke auf ein bedrohliches Maß und passten kaum noch in den Kochtopf. Im Alter verliert man mitunter ein wenig den Überblick, was die Proportionen des Kochens angeht. Da kann man ein Gericht auch 60 oder 70 Jahre lang gekocht haben – plötzlich haut es nicht mehr hin. Das fängt meistens mit der Menge an.

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