miniportion 118: apfelwein

19 Mai
Hessischer Bembel auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin, 2013

Hessischer Bembel auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin, 2013

Freund F., der Biologe und Botaniker aus Südhessen, erzählt mir seit Jahren von einer Kneipe in Frankfurt Nordend, in der größere Personengruppen das sogenannte „Bembel des Todes“ bestellen könne. Die blau-graue Steingutkanne sei dabei aber so schwer, dass sie in einem kippbaren schmiedeeisernen Gestell serviert werde, das den Ausschank überhaupt ermögliche. Sehen durfte ich diesen Höhepunkt regionaler Lebensart bislang leider noch nicht, lediglich ein sogenannter Bierpapst wurde mir bei einem Besuch in Sachsenhausen einmal gezeigt und der Westhafen Tower im Gutleutviertel von Frankfurt, der aussieht wie ein Geripptes, die klassische Glasform für Apfelwein. Freund F. selbst konsumiert Ebbelwoi als sommerlichen Durstlöscher – süßgespritzt mit Limonade oder sauergespritzt mit Mineralwasser. Er schätze die herben Noten des Getränks, sagt er, die im Frankfurter Raum durch die Zugabe von gerbstoffhaltigen Speierlingfrüchten erzielt werden. Das zu mögen ist, wie vieles, eine Frage der geschmacklichen Sozialisierung. Manche sagen herb, andere würden es sauer und bitter nennen.

In der Normandie unterhielt ich mich einmal sehr lange mit der Frau eines Cidreherstellers, die mir (aufgrund ihrer Affinität zu Deutschland) sehr höflich aber doch deutlich mitteilte, dass sie einmal deutschen Apfelwein probiert habe – sie sammelte sich kurz – aber wirklich trinken können sie DAS nicht. Das kann ich als Rheinländer durchaus nachvollziehen. Einmal, meine Schwiegereltern wohnten damals im Taunus, gab es nach einem winterlichen Spaziergang keinen Glüh-, sondern heißen Hessischen Apfelwein. Wie heute war ich auch damals schon Produkten mit geschützter geografischer Herkunftsbezeichnung gegenüber durchaus ausgeschlossen und freute mich auf eine unbekannte lokale und saisonale Spezialität. Nach dem ersten Schluck dachte ich allerdings, man wolle mich umbringen wollten, um die Mitgift zu sparen.

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