miniportion 080: würfelzucker

11 Apr
Prototypische Heimat des Würfelzuckers, Köln 2005

Prototypische Heimat des Würfelzuckers, Köln 2005

Vor einigen Jahren zog mein Berliner Freund U. in eine Eigentumswohnung in einem der prestigeträchtigen Hochhäuser aus den 1960ern im Hansaviertel. Von der Vorbesitzerin des Appartements, einer alten Dame, erbte er nicht nur einen famosen Blick auf halb Berlin, sondern außerdem eine Blechdose, die bis zum Rand mit einzeln verpackten Würfelzuckerstückchen aus Kaffeehäusern der gesamten Republik gefüllt war. Mich beeindruckte dabei aber nicht nur die offensichtlich Jahrezehnte andauernde Sammelleidenschaft, sondern auch die penible Stapelung in der immerhin runden Dose, deren Passgenauigkeit der der Wohnung des Hauses entsprach, in welches Freund U. gerade eingezogen war.

Würfelzucker erinnert mich an sonntägliche Spaziergänge mit Oma und Onkel H. in Erkensrur. Am Ende gab es ein Stück Kuchen und wir lauerten auf den Würfelzucker neben den Kaffeetassen, auf dessen Papierverpackung nicht nur der Name und Kontaktdaten des Etablissements, sondern auch diverse Sternzeichen aufgedruckt waren.

Das gibt es heute kaum noch. Zucker zum Kaffee kommt meist in loser Form, gerne im länglichen Tütchen. Vermutlich ist das platzsparender und somit kostengünstiger. Würfelzucker findet sich nur noch in wenigen Reservaten. Beispielsweise im Café W., am Kölner Hohenstaufenring, wo sich in den auf den Tischen befindlichen Silberdosen braune und weiße (wenn auch unverpackte) Würfel befinden. In meinem Vorratsschrank befindet sich eine halbleere Packung, die ich aus Istanbul mitbrachte, weil das darauf abgebildete Stückchen Würfelzucker mit den himmelblauen Handschuhen mich so traurig anguckte. Die Marke heißt Bal Küpü, was soviel bedeutet wie Honigtopf. Wobei „bal“ – während wir hier bei Zucker ja zumeist an dicke Rüben denken – laut Lexikon auch „austretender Saft überreifer Feigen“ bedeuten kann. Küp Şeker heißt in jedem Fall Würfelzucker, wobei das „küp“ für Würfel mit großer Sicherheit vom französischen „cube“ abgeleitet ist. Ach Europa!

2 Antworten to “miniportion 080: würfelzucker”

  1. giftigeblonde 11. April 2013 um 16:06 #

    Ich trau es mich gar nicht zu sagen, ich sammle auch Zuckersackerl wie wir hier sagen.
    Leider hatte ich dann schon soviele davon dass ich sie verkocht und verbacken habe.
    Aber ich beginne immer wieder damit 😉

    • johannesarens 11. April 2013 um 16:21 #

      Ihr habt einfach für so viele Dinge die schöneren Worte!

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