miniportion 078: kräuterbitter

9 Apr
Wenn man’s mal am Magen hat, Aachen 2013

Wenn man’s mal am Magen hat, Aachen 2013

Weihnachten hatte früher neben Geschenken und einem großen Truthahn noch zwei entscheidende Pluspunkte zu bieten. Zum einen spielte meine Onkel H. im sparsam beheizten Wohnzimmer meiner Oma mit stoischer Ausdauer über Stunden mit uns Kindern Monopoly, zum anderen tranken die Erwachsenen nach dem Essen einen Underberg. Davon ließen sie uns zwar nur ein wenig Kräuterduft in den in Papier verpackten Fläschchen übrig, aber darum ging es uns auch nicht. Mein frühkindliches Interesse an Magenbitter rührt nicht vom Alkohol, sondern von der Tatsache her, dass man mit ein wenig Geschick einen ordentlichen Unterdruck in der Portionsflasche erzeugen konnte, und sich diese, wiederum mit ein wenig Übung, manchmal bis auf die Backe rüberziehen ließ. Das waren oft schöne Stunden, deren harmloses Vergnügen mit dem Aufkommen des ersten Bartwuchses jedoch irgendwann ein abruptes Ende fand.

Was gesundheitliche Aspekte angeht – denn die erwachsene Menschen um uns herum tranken damals selbstredend nur aus gesundheitlichen Gründen – verband ich Kräuterbitter lange Zeit mit dem Wermut-Tee, der uns Kindern verabreicht wurde, wenn wir Bauchschmerzen hatten. Obwohl der in der Tat half (und der Legende nach früher auch von den Bauern bei Kühen angewandt wurde) war der Aufguss derart unangenehm bitter, dass man sich das mit den Bauchschmerzen lieber noch einmal überlegte. Auf den feinherben Genuss von dänischem Gammel Dansk, italienischem Amaro oder französischem Chartreuse verte wurde man hier bestimmt nicht vorbereitet. Vermutlich bevorzugte ich daher lange Jahre eher zucker- und alkoholhaltige Liköre wie Baileys, Malibu oder Pepino Peach und entdeckte erst spät meine Zuneigung zu verdauungsfördernden Spirituosen. Seither beschließe ich jedes gute Essen mit einem kleinen Schnaps. Und manchmal, wenn ich besonders gut gelaunt und frisch rasiert bin, schiebe ich mir die angesaugte Flasche ans Kinn. Nur für die Gesundheit, versteht sich.

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