miniportion 020: zervelatwurst

10 Feb
„BiFi Roll“ im Bahnhofsautomaten, Hasselt/Belgien 2011

„BiFi Roll“ im Bahnhofsautomaten, Hasselt/Belgien 2011

Als ich zum ersten Mal an einer Pecha Kucha-Veranstaltung teilnahm, hielt ich einen ziemlich ambitionierten Vortrag über den Zusammenhang von Wurstkultur und Europäischer Integration. 20 Powerpointfolien, die genau 20 Sekunden zu sehen waren und deren Ablauf nicht von mir selbst gesteuert wurde, führten zwangsläufig dazu, dass ich den Faden verlor und versuchte, immer mehr Informationen in immer weniger Zeit unterzubringen. Aber genau darin besteht ja der Spaßfaktor dieses von deutschen Architekten in Japan entwickelten Formats. Den Erfolg eines solchen Vortrags kann man unter anderem daran messen, ob die Anwesenden laut und oft lachen. Das taten sie im Verlaufe meines Auftritts genau zwei Mal. Danach war es eher still im Saal – eine Atmosphäre, die ich im Rückblick als die einer äußersten Konzentration beschreiben würde. Amüsiert wurde sich zum einen, als die Moderatorin meinen Vortrag mit dem Titel „Ein Rettungsschirm aus Wurst – Regionale Esskultur und Europas Zukunft“ ankündigte und zum anderen, als ich zu der Fotografie einer BiFi-Wurst in einem Bahnhofsautomaten die folgende Frage stellte: „Wer von den Anwesenden hat früher nach dem Verzehr des eigentlichen Würstchens auch die Plastikverpackung ausgelutscht?“ Um gewissermaßen noch ein bisschen in diesem herrlich rauchig-wurstigen Geschmack zu verweilen?  Das mit einiger Verzögerung ausgelöste Kichern des Publikums – schließlich braucht man ja einen Moment, um sich zu erinnern – bestätigte denn auch meine vorab gefasste These, dass es sich hier keinesfalls um einen persönlichen Fetisch, sondern um eine gängige kulinarische Praxis der wilden 1980er Jahre handelte. Wurstkonsum als generationelles Identifikationsangebot wird gemeinhin unterschätzt.

Als ich ein gutes Jahr später wieder auf der Bühne stand, wurde ich mit den folgenden Worten angekündigt: „Jetzt kommt J., der beim letzten Mal lustig über Wurst gesprochen hat – heute referiert er über Käse.“ Zu weiteren Veranstaltungen wurde ich übrigens nicht mehr eingeladen.

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