ethnografische notizen 59: vegane pizza

9 Nov
Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

„Wir könnten die vegane Pizzeria bei mir um die Ecke ausprobieren“, sagt Freund J. als ich ihn am Ende der Tagung anrufe, um mich nach dem Abendprogramm zu erkundigen. „Vegan“, sage ich“, „das klingt irgendwie spaßfrei.“ Beim Stichwort „vegan“ denke ich an farblose Personen in grauen Biokooperativen oder an meinen ehemaligen amerikanischen Studenten Brian, der im Rahmen seiner Selbstfindung solange auf jegliche Nahrung tierischen Ursprungs verzichtete bis ihm die Haare ausfielen und er sich entschloss, es doch lieber mit einer militärischen Ausbildung bei den US-Marines zu versuchen (letztere im Gegensatz zur bewussten Ernährung übrigens nachhaltig erfolgreich). „Ach komm“, sagt Jens, „sei mal offen für was Neues.“ Nun stehe ich einer fleischarmen Ernährung aus ethischen, ökologischen und politischen Gründen nicht abneigend gegenüber und Produkte aus Kuhmilch vertrage ich nur in kleinen Mengen, und trotzdem betrachte ich den gelegentlichen Verzehr von Tieren durchaus als legitim. Gesunde Mischkalkulation eben. Aber gut, da ich mich ja grundsätzlich gerne mal auf was Neues einlasse, beschließen wir, zumindest einmal gucken zu gehen. Außerdem wohnt Freund J. in einem Haus, in dessen Erdgeschoss sich ein österreichisch anmutendes Restaurant befindet, das nach eigenen Angaben die größten Schnitzel der Stadt anbietet und eine schöne Vorlage für Plan B liefert.

Das an der Kreuzung Hertzbergstraße und Sonnenallee gelegene Restaurant ist voll. Lediglich ein Tisch zwischen Abräumwagen und Kühlschrank ist noch frei und nachdem ich festgestellt habe, dass auf dem kleinen handgeschriebenen Schild nicht „reserviert“ sondern „Selbstbedienung, bitte bestellt an der Theke“ steht, nehmen wir Platz. Am Rande einer alten Kühltheke in der sich große Mengen roter Paprika, Auberginen und Zucchini befinden, die in ihrer Makellosigkeit nicht unbedingt an biologisch-dynamische Produktionsweisen denken lassen, finden wir die Speisekarten, die wir zu näheren Analyse mit an unseren Tisch nehmen.

Der Tisch hinter uns ist mit drei Amerikanern besetzt, eine junge Frau sowie ein älterer und ein jüngerer Mann, der mit seinen seitlich rasierten Haaren, seiner gepflegt vernachlässigten Kleidung und seinem Habitus als junger Kreativer ganz dem gängigen Hipster-Klischee erinnert. Seine Brille erinnert mich an die längst verstorbene Alwine M., die dereinst in meiner Heimatstadt ihre ehrenamtliche Tätigkeit auf das Sammeln alter Kassengestelle für die Armen in Sri Lanka konzentrierte, nachdem die von ihr organisierten Benefiz-Konzerte des örtlichen Polizeiorchesters keinen richtigen Anklang mehr fanden. Überhaupt hat man im Sfizy Veg, was laut Speisekarte sizilianisch für „Spaß an etwas haben“ ist, ein wenig den Eindruck, sich in einer Zeitmaschine zu befinden. Überall kleine Regalbretter von denen Zimmerpflanzen herunterranken, die ich seit mehr als 20 Jahren für ausgestorben hielt. An den Wänden Agitprop-Plakate, die beispielsweise Johannes Paul II. beim Verzehr einer Portion Spaghetti zeigen, ein altes, graues Telefon in einem goldenen Rahmen und ein Sammelsurium aus alten Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitten. Von dem Regal über unserem Tisch rankt eine Grünlilie, deren Blätter von einer großen himbeerförmigen Glühbirne rot angeleuchtet werden. Es besteht kein Zweifel, wir befinden uns in einem Hotspot der creative class der Hauptstadt, inmitten von Menschen deren äußere Erscheinung nebst Jutebeutel und übergroßen Strickpullovern sogar der New York Times Artikel ein Artikel wert war. Ihre Hipness ist Vorbote von etwas sind, was eigentlich Gentrifizierung heißt, aber nicht so genannt werden darf, da man ansonsten schon mal schnell ins Visier des Verfassungsschutzes gerät. An diesem Abend sitzen wir aber mittendrin und sind plötzlich dem Geheimnis der Avantgarde ganz nah.

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

„Ich glaube, dass ist ein ganz normales Lokal“, flüstert Freund J. während er durch die Karte blättert, „das ist gar keine vegane Pizzeria mehr.“ „Ich glaube schon“, flüstere ich zurück und zeige dezent auf das handgemalte Schild mit der Aufschrift „Meat is murder“ über dem Durchgang in der Küche. Auch wenn die Speisekarte durchaus etwas anderes vermuten lässt. Die klingt nämlich alles andere als vegan, Chicken Tikka Masala gibt es da, Currywurst mit Fritten und Pizza mit Schinken, Speck oder Chorizo. Warum, frage ich mich, gibt man sich soviel Mühe, dass was man eigentlich für ethisch falsch hält, nämlich das Fleisch von getöteten Tieren, möglichst passgenau zu imitieren? Adorno möchte man pathetisch den Verantwortlichen vorhalten, sie mit der Tatsache konfrontieren, dass es kein richtiges in einem falschen Leben geben kann. Aber schließlich zwingt mich ja keiner, hier zu Essen. Und weil es so absurd ist, bestellen wir einen gemischten Salat mit Nuggets zum Teilen sowie einen Pizzaburger für Freund J. und eine Calzone mit Gyros und Pommes („neu!“) für mich. Drei Gerichte in einem – das nenne ich großstädtische Effizienz. Leider haben wir uns auf dem Weg vom Tisch zum Bestellschalter nur die Nummern gemerkt und die Bedienung mit dem starken spanischem Akzent schlägt die Posten zunächst in der Karte nach, bevor sie sie in der Volltextversion mit einem dicken Bleistift auf dem dünnen Papier eines Kellnerblöckchens notiert. Danach erhalten wir eine kleine Marke aus braunem Karton mit der Nummer „28“. „Please don’t destroy“, ist handschriftlich auf der Rückseite vermerkt und man weiß nicht so genau, ob es sich um eine organisatorische Mitteilung handelt oder vielleicht doch um eine weitere politische Botschaft, mit der die Zerstörung unseres Planeten verhindert werden soll. An eine Wand in der Mitte des Lokals gelehnt steht ein hübscher junger Mann mit Vollbart und dunkelblauem Peacoat, der abwechselnd mit seinem iPhone herumspielt und konzentriert durch einen Packen Papier blättert, den er mit sich herumträgt. Zu Berlin gehört, dass man immer mit einem Projekt unterwegs ist. Als endlich seine Nummer aufgerufen wird, zieht er mit einem seligen Blick und einem großen Pizzakarton von dannen.

Kurz darauf kommt unser Salat mit den Nuggets. Er besteht aus Feldsalat, roten Zwiebelringen, Tomaten,  ein wenig veganem Käse und obenauf drei panierten und frittierten Objekten, die so aussehen, als hätte man sie aus der McDonalds-Packung geschüttelt. Sie schmecken, wie vegetarische, panierte und frittierte Objekte nun mal schmecken. Da hat es, seit den diversen Gemüseschnitzeln-, -frikadellen und -bratlingen aus Mensazeiten keine geschmackliche Evolution mehr gegeben.

„Achunswansisch“ ruft die Bedienung und Freund J. kommt mit zwei großen Tellern zum Tisch zurück. Sein Pizzaburger besteht aus einer großen Pizza, die mit ihrem Belag aus Tomate, Zwiebel, (vermeintlichem) Schinken und Käse so aussieht, wie eine Pizza eben so aussieht. Lediglich das in der Mitte befindliche, mit einer geschmolzenen Scheiblette abgerundete Häufchen, das man mit etwas Phantasie als Bürger identifizieren könnte, ist ungewöhnlich. Mein Teller hingegen ist mit einer riesigen Klapppizza bestückt, die obenauf sehr, sehr knusprig gebacken ist. Darüber hinaus ist sie ständig bestrebt, den ebenfalls dort ansässigen Beilagensalat aus Rauke, Kirschtomaten und Walnüssen über den Rand zu schubsen. „Und da sind Fritten drin“ frage ich etwas zweifelnd während sich Freund J. bereits an seine Pizza macht. „Schmeckt nicht schlecht“, befindet er, „an das Burgerdings hier traue ich mich aber noch nicht ran.“ Bei meiner Calzone arbeite ich mich von links durch den Teig und stoße irgendwann auf die ersten Pommes, die – das kann an dieser Stelle bereits verraten werden –  zumindest visuell nur bedingt vom gemeinsamen Überbacken mit Tomatensoße und Käsesubstitut profitieren. „Gar nicht so schlecht“, lautet aber mein erstes Urteil. Freund J. fuhrwerkt mit seiner Gabel auf meinem Teller herum. „Schmeckt nach Frittenfett“, sagt er. Selber schuld, denke ich, denn so wie mich ja niemand zwingt, in ein veganes Restaurant zu gehen, bin ich ja auch nicht verpflichtet dort eine Calzone Gyros Pommes zu bestellen. Alles freier Wille. „Wo ist denn Dein Gyros“, fragt mich Freund J. „Keine Ahnung“, antworte ich. „Das hier vielleicht?“, ich zeige ihm mit der Gabel ein rechteckiges Stückchen Materie, „nee, das ist auch eine Fritte. Vielleicht sind die Fritten ja als Gyrosersatz gedacht. „Quatsch“, sagt Freund J., „die kommen noch.“ Er soll Recht behalten und etwa in der Mitte des Teiggebildes stoße ich auf Stücke einer Substanz, die in Konsistenz und Geschmack in der Tat an Gyros erinnern. „Besser als erwartet“, fasse ich erneut zusammen und mache mich an den Burger auf dem Teller meines Gegenübers, der aus einem Stück Fleischersatz, Käse, Ketchup, Zwiebeln und einer größeren Menge veganer Mayonnaise besteht. „Weniger gut“, korrigiere ich mich, „aber Deine Pizza als solche finde ich lecker.“„Ich bestelle mir beim nächsten Mal auch so ein Gyros-Ding“, kündigt mein Gegenüber an. Wir tauschen die Teller, die aber aufgrund des gefühlten 20-prozentigen Fettgehalts aller Speisen dann doch nicht ganz geleert werden. „Jetzt noch ein Nachtisch“, sagt J., der sich bereits bei der Bestellung des Hauptgerichts für eine appetitlich mit Schokoraspeln verzierten dunkle Creme-Torte mit der geheimnisvollen Bezeichnung „Rohkostschokoladenkuchen“ entschieden hat. Ersterer Bestandteil bleibt im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln, weil die Himbeerlampe über uns nicht genügend Licht liefert, um herausfinden zu können, aus was die grob gehackte Trägermasse der Creme bestehen könnte. „Toll“, Freund J. ist ganz begeistert, „die schmilzt ja richtig im Mund“, sagt er. „Kein Wunder“, antworte ich, „das liegt vermutlich daran, dass sie lediglich aus Kokosfett, Zucker und Kakao besteht. Wie eine riesengroße Portion Eiskonfekt. Hattet Ihr drüben eigentlich Eiskonfekt?“

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Kastanienallee/Prenzlauer Berg, Berlin im November 2012

Aber irgendwann ist auch dieser Posten geschafft. „Jetzt brauche ich eine Jägermeister“, stöhnt Freund J., „oder noch besser einen Aromatique.“ „Der ist ja von uns“, fügt er hinzu, was besagen soll, dass es sich um ein Ostprodukt handelt. „Haste mool nen Aro, hieß das bei uns“, sagt er mit übertrieben thüringischem Akzent, „komm, wir gehen.“ „Naja“, resümiert er als wir wieder zuhause ankommen und beim Aufschließen der Haustüre noch einen Blick ins Fenster des Schnitzellokals werfen, „hier wäre der Spaßfaktor sicherlich größer gewesen.“  „Mag sein“, antworte ich, „aber nicht halb so trendy!“

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