ethnografische notizen 48: lebensmittel

13 Mrz
"Lebensmittel" im Museum Morsbroich, Leverkusen 2012/03

"Lebensmittel" im Museum Morsbroich, Leverkusen 2012/03

„Lebensmittel“ steht in weißen Buchstaben auf dem himmelblauen Banner über dem Eingangstor von Schloss Morsbroich, am Rande von Leverkusen. Das klingt zunächst eher nach einem Hofladen mit alten Apfelsorten, als nach Gegenwartskunst. Es handelt sich aber bei der gleichnamigen Ausstellung des Fotografen Michael Schmidt, zumindest nach Ansicht des Deutschlandfunks, jetzt schon um eine der zehn wichtigsten Fotografie-Ausstellungen in 2012.

Vier Jahre lang ist Schmidt laut Prospekt quer durch Europa gereist und hat die Produktion, Verarbeitung und Verwertung von Lebensmitteln fotografiert. Großaufnahmen von leicht gammeligem Hackfleisch in Plastikverpackung, von Listen mit Inhaltsstoffen, vom Fernseher abfotografiertes Fischgewimmel und die Nahaufnahme eines Kuhauges. Alles irgendwie unappetitlich, aber bei weitem nicht so schockierend wie die Tagesschau-Aufnahmen aus einem Putenstall nach dem letzten Lebensmittelskandal. Trotzdem soll hier der kritische Blick geschult werden.

„Nicht die registrierende Sachlichkeit des Mediums Fotografie ist dabei in der Lage, den Blick zu verändern, sondern erst die mitreißende, symphonische Struktur der Präsentation. Sie verwandelt Informationen in widerständige Impulse.“

Das ist eine Menge Anspruch, gerade bei einem so individuell-sensiblen Thema wie der Ernährung. Das symphonische der Schau erschöpft sich jedoch schnell in der unaufregenden Hängung der Fotografien in weißen, neonbeschienenen Räumen. Auch das Widerständige der Bilder erschließt sich mir nicht. Vielleicht weil ich mich zu oft und zu viel mit dem Thema beschäftigt habe und eben weitaus drastischere Bilder und Schilderungen vor Augen habe. Vielleicht aber auch, weil gerade das letzte Glied der Kette, der Mensch als Konsument, auf den Bildern nicht zu sehen ist. Lediglich ein paar Abbildungen der Rücken von Arbeitern und Arbeiterinnen bei der Zwiebelernte sind zu sehen. Natürlich, der Mensch spiegelt sich in der Glas- oder Kunststofffläche der Bilderrahmen, aber dieses kuratorische Dauerargument greift mir hier zu kurz.

Michael Schmidt verzichtet bewusst auf eine Verortung des Gezeigten. Man weiß nicht, ob die Blöcke aus gefrorenem Fisch oder die weggeworfenen Brot-Rohlinge in Deutschland, in Russland oder in Sambia aufgenommen wurden. Das macht einerseits Sinn, denn die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln ist ein nahezu allumfassendes weltweit gültiges System. Hier in Morsbroich, im Rahmen einer Ausstellung, führt diese Auslassung jedoch zu seltsamen Gegenreaktionen. „Guck mal“, sagt ein älterer Herr in gesteppter Jacke zu seinem Begleiter, „eine Kläranlage.“ „Nein“, entgegnet der andere entschieden, schiebt die Brille in die Stirn und schaut sich die Fotografie ausgiebig aus der Nähe an. „Eine Fischfarm“, befindet er schließlich, „in Norwegen.“ „Norwegen?“, sagt der Steppjackenträger, „nein, das ist ganz bestimmt in den USA oder Kanada.“ Die Leerstelle rechts unter den Bildern wird zu einer sportlichen Herausforderung an die Expertise des Betrachters. Die Empathie gegenüber dem Gezeigten, das Mitgefühl für das im eigenen Kot liegende Schwein oder die von Monokulturen verödeten Landschaften bleibt auf der Strecke.

Es handelt sich bei den gezeigten Bildern nicht um Illustrationen einer Slow-Food-Pressemitteilung und auch nicht um die Dokumentation einer Greenpeace-Aktion. Soviel ist deutlich. Kunst funktioniert in anderen Mechanismen. Und trotzdem bleibt die Schau auf halbem Wege stecken. Lediglich ein leichtes Gruseln stellt sich ein, ästhetisch aufbereitet und unter Umständen gar nicht mal so unangenehm, weil man ja selber vielleicht auch zu denjenigen gehört, die ab und an mal Biotomaten kaufen. Neben der Präsentation im White Cube gibt es die Bilder auch auf Papier. Als so genannten Künstlerbuch, in hübsches petrolfarbiges Leinen gebunden. Ein schöner Band, aber eben auch einer, den man getrost auf dem Wohnzimmertisch liegen lassen kann, wenn man nach dem Aperitif an den Esstisch wechselt.

Draußen, auf dem Weg zum Parkplatz, werfe ich einen Blick auf die Speisekarte des Schlossrestaurants. Carpaccio vom Rinderfilet gibt es, Kaiserschotensuppe mit Thunfischbällchen und Spanferkelrücken mit Wachtelbohnen. Und plötzlich bekommen die Fotos drinnen zum letzten Mal eine ganz neue Bedeutung. Ob das Gros der Besucher und Besucherinnen diesen Zusammenhang sehen möchte, wage ich zu bezweifeln.

 

Litfaßsäule in Köln, 2012/03

Litfaßsäule in Köln, 2012/03

Lebensmittel

Michael Schmidt

Museum Morsbroich, Leverkusen

4. März bis 13. Mai 2012

 

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