ethnografische notizen 45: kumpir

Das in Zeiten einer alles durchdringenden Globalisierung alles irgendwie zusammenhängt, ist klar. Aber manchmal liegen die Dinge noch näher beieinander, als man denkt. Und manchmal auch schon ziemlich lange.

Istanbul, April 2011

Istanbul, April 2011

In seinem großartigen Vortrag zum Thema „Dialekt und Sprache in der Euregio Maas-Rhein“ erläutert mein Freund Prof. Joseph Vromans die Etymologie des wallonischen Wortes crompîre. Das Wort hat seinen Ursprung im deutschen Wort Grundbirne für Kartoffel. Als Lehnwort machte der Ausdruck auch in nahezu der gesamten k.u.k. Monarchie Karriere: krumpli auf Ungarisch, crumpena auf Rumänisch, krumpir auf Serbisch und Kroatisch und krompir auf Slowenisch.

In Grimms Wörterbuch lese ich später, dass der Ausdruck erstmals für das 16. Jahrhundert belegt ist und zunächst ganz verschiedene Lebensmittel wie Erdnüsse, schwarze Rüben und Rettich bezeichnete. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts habe sich die Bedeutung mehr oder wenig vollständig auf die immer populärer werdende Kartoffeln verschoben.

Auf Türkisch hingegen heißen Kartoffeln patates. Das kann man sich gut merken, erinnert es doch ans englische potatoes und hier im Grenzgebiet auch an das niederländische patat für Pommes frites. Als uns beim ersten Istanbulbesuch die freundliche Dame von der Vermietung aber erklärt, dass es in Ortaköy, unterhalb der ersten Bosporusbrücke die besten gefüllten Kartoffeln, Kumpir genannt, gebe, kann ich mit dem Wort nicht wirklich etwas anfangen, merke es mir aber trotzdem. Und mehr als ein halbes Jahr später weiß ich plötzlich auch warum. Das türkische Gericht erinnerte mich an Grumbeer, den saarländische Ausdruck für Kartoffel, der mir aus den Kindheitsferien noch im Gedächtnis geblieben ist.

Die türkischen Belagerungen Wiens im 16. und 17. Jahrhundert haben als Synonym für die Konfrontation von Okzident und Orient Eingang ins Allgemeinwissen gefunden, der mehr oder weniger reibungslose kulinarische Austausch hingegen ist über die Jahre in Vergessenheit geraten.

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