ethnografische notizen 36: beerenernte im norden

24 Aug

Ein letzter Bericht aus dem Norden und noch ein letztes Mal ein bisschen fröhliche Beerenfolklore. Was bisher geschah: Es gab den Beerenverkauf auf dem Markt und den hauseigenen Moosbeerencider im Biergarten der Brauerei „Koulo“ in Turku, das mit Preiselbeeren angereicherte Wasser auf dem Frühstücksbuffet und schließlich das Dessert „Summerberries“ mit Blau- und Erdbeeren sowie Stachelbeereis im Restaurant „Mekk“ in Tallin. Ebenfalls in der estnischen Hauptstadt essen wir kurz vor der Abreise kleine Törtchen mit Preiselbeeren, die auf estnisch pohl heißen. Ein Mürbeteigboden und sorgfältig mit Guss überzogene Beeren, deren herbe Säure hervorragend die dazwischenliegende süße Cremefüllung kontrastiert.

Preiselbeertörtchen in Tallinn

Auf der Fähre zurück nach Helsinki kaufe ich Konfekt aus Sanddorngelee (Hippophaë rhamnoides), welches jedoch bei genauerer Analyse aus Lettland stammt und mich geschmacklich als auch von der Beschaffenheit an das weihnachtliche Quittenbrot meiner Mutter erinnert. Als Geleewürfel ist mir die laut Wikipedia auch als Fasanenbeere bezeichnete Frucht neu. In meiner Kindheit (die sich ja weit weg von der DDR ereignete, wo Sanddorn ja als klimatisch kompatibler Vitamin-C-Lieferant zum Ausgleich des renitenten Südfruchtmangels im großen Stil angebaut wurde) kam Sanddorn immer aus dem Glas. Eine Fruchtzubereitung von Schneekoppe, um genau zu sein, die zu besonderen Anlässen von unserem Vater im passenden orangefarbenen Messbecher von Krupps zu einem Milkshake verarbeitet wurde. Meine eigenen Ernteversuche während der Berliner Jahre im Treptower Park verliefen eher mühselig. Zum einen waren die Beeren so reif, dass sie unter Hinterlassung fieser Flecken bei Berührung unmittelbar zerplatzten, zum anderen weil die langen, spitzen Stacheln des Strauchs mir sehr schnell Arme und Beine zerkratzten. Zuhause entsorgte ich die magere Ernte dann komplett, da sie zur Hälfte ohnehin aus nicht weiter zu identifizierenden Insekten und unappetitlichen Rindenresten bestand.

Restaurant-Logo mit Sanddorn in Helsinki

Daran denke ich, während ich in Helsinki hinter dem Finnischen Nationalmuseum ein Foto von einem geschlossenen Restaurant namens „Ostrobotnia“ mache. (Nicht zuletzt deshalb, weil der Name soviel bedeutet wie „östlich des finnischen Meerbusens“ – eine geografische Bezeichnung, die ich als Kind mehr als ungehörig fand.) Auch in der Würstchenbude auf der anderen Straßenseite herrscht kurz vor dessen Öffnung noch Ruhe. Diverse Küchenwerkzeuge warten in einem leeren Preiselbeermarmeladeneimer auf ihren Einsatz. Lingonsylt, wie auf Schwedisch auf dem Eimer zu lesen steht, ist offensichtlich auch in Finnland eine beliebte Zugabe zu diversen Imbissbudengerichten.

Imbissbude in Helsinki

Auch Preiselbeeren gab’s in meiner Kindheit. Diese allerdings nicht aus dem Glas, sondern aus den Randlangen des Hohen Venns. Zu Zeiten, in denen die Naturschutzbestimmungen eben noch nicht so strikt ausgelegt wurden und diverse Nachbarn mit den auch schon damals verbotenen Sammelkämmen nicht nur Beeren rafften, sondern gleichzeitig als eine Art mechanischer Agent Orange, mindestens die Hälfte der Preisel- und Blaubeersträuche entlaubten. Ein mechanischer Agent Orange gewissermaßen. Derlei Brutalitäten waren in meinem umweltbewussten Zuhause aber verboten. Wir fuhren gelegentlich gesittet mit dem Rad in den Wald, im Gepäck neben der Milchkanne für das Sammelgut auch mit Butter und Zucker versehene Brotscheiben für vorzeitige Beerensandwiches. Um aber einer übermäßigen Romantisierung meiner ländlichen Kindheit vorzubeugen – schon auf dem Rückweg gerieten meine Eltern für gewöhnlich in Streit, weil mein Vater darauf bestand, dass die Blaubeerküchlein früher bei seiner Mutter irgendwie anders gewesen seien, als die, die seine Frau sich daraufhin verständlicherweise weigerte herzustellen. Die sehr viel selteneren Preiselbeeren hingegen wurden einvernehmlich in einem, maximal zwei Gläsern eingekocht und, wie hier in Helsinkis aufgeräumtester Imbissbude, zu Herzhaftem serviert.

Moltebeeren auf dem Markt in Helsinki

Im Finnischen Nationalmuseum um die Ecke besuche ich eine hübsche Ausstellung über die Geschichte der Puppenstube. Im Museumsshop überlege ich für einen Moment, ob ich mir ein Miniatur-Körbchen voller Blaubeeren für stramme sechs Euro zulegen soll. Da ich aber keine Puppenstube habe, verzichte ich und verkneife mir aus demselben Grund auch auf dem Flughafen die Ohrringe mit den winzigen Moltebeeren. Die sind nämlich nicht nur als Modeschmuck sondern auch als Frischware ein Vermögen wert. 30 Euro kostet das Kilo auf dem Markt in Helsinki.

Moltebeeren-Modeschmuck auf dem Flughafen in Helsinki

Die orangefarbene Moltebeere (Rubus chamaemorus), englisch cloudberry, aus der Familie der Rosengewächse ist das Wahrzeichen Lapplands und in dieser Funktion nicht nur im Essen, sondern auch auf der Rückseite des finnischen Zwei-Euro-Stücks zu finden. Verarbeitet wird die weiche Frucht traditionellerweise zu Marmelade (bei Ikea für sensationelle knappe vier Euro zu haben) oder zu einer sahnigen Creme mit der der vergleichsweise geschmacksneutrale Leipäjuusto (gebratener Frischkäse, vermutlich wegen der flachen Fladenform „Brotkäse“ genannt) aufgepeppt wird. Und genau mit dieser Kombination – Luomuleipäjuustoa ja lakkaa für die des Finnischen mächtigen Leser – beschließen wir unseren letzten nordischen Abend im Restaurant  „Helkan Keittiö“.

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