ethnografische notizen 035a : restaurant „joseph’s“, köln

18 Aug

„Zum Südkai wollt Ihr“, fragt der Taxifahrer, der uns offensichtlich für Touristen hält, „da ist doch nix los. Tote Hose.“ Er bringt uns aber trotzdem, wenn auch nicht unbedingt zielsicher, auf kleineren Umwegen zum Rheinauhafen. Dort ist alles andere nix los, auf den wenigen Metern von der Rheinuferstraße zum Restaurant kollidieren wir mehrfach mit Radfahrern und bekommen so gerade noch einen freien Tisch auf der Terrasse zugewiesen. Die ist an diesem lauen und bislang trockenen Abend bis auf den letzten Platz besetzt und eigentlich einen Tick zu eng bestuhlt. Hinter uns fällt ein Limonadenglas auf den Boden, wovon ich nicht nur ein paar Spritzer sondern auch das Entsetzen des getroffenen Kindes in voller Breitseite abbekomme. In unregelmäßigen Abständen donnern im Hintergrund Güterzüge über die Eisenbahnbrücke. Aber wir sitzen eben an einer (ehemaligen) Hafenmauer und irgendwie passt die Bewegung zur Geschichte des Orts.

Das Innere des Restaurants ist eine gelungene Mischung aus der erhaltenen Industriearchitektur eines alten Lagerhauses und funktionalem modernen Dekor. So stimmig, dass ich sogar geneigt bin, über das über-trendig überflüssige Genitiv-Apostroph im Namen hinwegzuschauen. Bis auf eine mit rohem Holz ausgekleidete Ecke und vielleicht noch das wiederkehrende Dackel-Motiv vielleicht nicht unbedingt das, was man als süddeutsch-österreichisch bezeichnen würde, aber das spricht im Grunde genommen ja für das Lokal: Man ist ja zum Essen mit Blick auf den Rhein hier und nicht, um sich am Wolfgangsee zu wähnen.

Und auch das Servicepersonal ist weniger aufdringlich als im Weißen Rössl, dafür aber gleich bleibend freundlich, auch wenn das stoßweise aus der Küche zu hörende Klingeln vermuten lässt, dass hier wie dort alle Hände voll zu tun sind. Da wir aber an diesem Abend das Essen als einzigen Programmpunkt auf der Agenda haben, lehnen wir uns entspannt zurück und genießen den Ausblick auf die Schääl Sick, die Aurora-Mühle und einen sich zwischen den Schauern einstellenden doppelten Regenbogen. Einen so spektakulären und doch so alltäglichen Ausblick hat vermutlich kein anderes Restaurant der Stadt zu bieten.

Wir starten mit einem Rosmarin-Cremant, dessen pflanzliche Dekoration allerdings eher an einen langblättrigen Thymian erinnert. Macht aber nix, die Mischung aus Schaumwein und Rosmarinsirup schmeckt und ist ausgewogen, so dass der Eindruck von Badezusatz, den Rosmarin ja mitunter in Kombinationen mit süßen Zutaten erweckt, erst gar nicht entsteht.

Die mit Kreide auf einer Tafel geschriebene Tageskarte bleibt uns an diesem Abend leider vorenthalten, aber ein Blick zu den Nachbarn beruhigt uns. Nach Büffelmozarella, Jakobsmuscheln und Steak vom Meeraal ist uns nur bedingt zumute. Denn schließlich sind wir ja wegen der „süddeutsch-österreichischen Heimwehküche“ hier, wie das Restaurant sein Angebot beschreibt.

Ein Gast am Nebentisch hat sein Heimweh offensichtlich schon überwunden und wähnt sich bereits zuhause. Laut und für alle deutlich zu verstehen erläutert dem Kellner, dass der CHEF normalerweise dafür sorgen würde, dass ER beim Wiener Schnitzel DREI statt der üblichen zwei Fleischstücke bekommen würde. Umso dezenter fällt die Begrüßung der beiden Ehepaare durch die Chefin, Rita-Cornelia von Borries, aus, die nach einem kurzen Hallo schnell wieder verschwindet. Man kennt sich, scheint es. Und auch das übrige Publikum ist sicher nicht zufällig hier und zahlungskräftiger als es die moderaten Preise der Karte vermuten lassen würden.

Da der Internetauftritt des Lokals lediglich eine bescheidene Startseite mit Adresse und Öffnungszeiten umfasst, im Folgenden unser Menü aus der Erinnerung:

Wir starten mit Carpaccio aus roten und gelben Beten mit Erdfrucht-Marinade (die von allen erst einmal als Marmelade gelesen wird und letztendlich aus einer Vinaigrette mit klein geschnittenem Wurzelgemüse besteht), einer großartigen weißen Paradeisersuppe mit Schüttelbrot und gebratenen Semmelknödeln auf Pfifferlingen.

Kleinere Engpässe gibt es offensichtlich nicht nur im Service, sondern auch in den Zutaten. Ich persönlich bringe als Esser da jedoch eine hohe Toleranz mit. Wenn die Grundzutaten stimmen und meine geschmacklichen Erwartungen derart übertroffen werden, wie bei der schaumigen und trotz ihre Sahneanteils nicht fettigen Tomatensuppe, ist es mir ehrlich gesagt ziemlich egal, ob die Bete allesamt rot sind oder das Schüttelbrot neben meiner Suppe eher den Eindruck von geröstetem Roggenbrot hinterlässt.

Ein Koch ist eben keine Maschine und ein Restaurant keine Kantine, sondern ein Ort, an dem ich mich im besten Fall auch gerne mal durch Variationen oder Notlösungen überraschen lasse. Da ist mir wesentlich wichtiger, dass die Karte sowohl eine deutliche regionale als auch eine saisonale Ausrichtung hat und beispielsweise bei den Hauptgerichten die Herkunft des Fleisches angibt. Der Zander auf Risotto mit Veltliner-Schaum ist Wildfang, das Wiener Schnitzel stammt vom Kalb aus dem Münsterland und die Lammhüfte mit Kräuterkruste an Kartoffel-Möhren-Stampf kommt aus der Eifel. Letztere liegt auf meinem Teller und ist eine gekonnte Zusammenstellung aus zartrosa Fleisch, einer großzügigen Portion demi-glace und einer bissfest gegarten Karotte. Lediglich der Stampf ist mir zu fein und zu glatt – aber das ist eine persönliche Vorliebe.

Als wir drei Stunden später und nach zwei Flaschen Grauburgunder satt und zufrieden wieder aufbrechen, ist von toter Hose noch immer nichts zu verspüren. Ein jugendliches Pärchen knutscht auf einer Parkbank, vereinzelt laufen noch immer Jogger durch die nach wie vor laue Sommernacht und ein schwer beladener Kahn fährt mit durch eine riesige Bugwelle Richtung Süden. Da bekommt man woanders nicht nur Heimweh nach dem guten Essen.

Joseph’s

süddeutsch-österreichische Heimwehküche

Agrippinawerft 22/Rheinauhafen

50678 Köln

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: