ethnografische notizen 029b: linda roodenburg

21 Mai
mit Linda Roodenburg, Universität zu Köln (Mai 2011)

mit Linda Roodenburg, Universität zu Köln (Mai 2011)

„Es ist schwierig eine Ausstellung über Essen und Trinken zu machen, wenn man keine Lebensmittel hat, die man ausstellen kann.“

Linda Roodenburg steckt sich die Lesebrille ins Haar. Das Ethnologische Museum in Leiden habe in der Geschichte seiner Sammlungstätigkeit nur geringes Interesse an der Anschaffung und Konservierung von Objekten organischen Ursprungs gehabt, erklärt die freiberufliche Kuratorin. Eine große Herausforderung, als sie mit der Arbeit für die Ausstellung „ETEN – tradities, taboes en delicatessen“ für das 1864 gegründete Haus begann. „Ich habe mir 350.000 Objekte in der Datenbank angeschaut“, sagt sie und weist auf eine Abbildung ihrer Powerpoint-Präsentation, „dieses Teegeschirr aus Gewürznelken war das Einzige, was zumindest ansatzweise essbar gewesen wäre.“ Doch Linda Roodenburg blieb hartnäckig – solange, bis sie in einer dunklen Ecke des Museumsdepots eine Reihe verstaubter Glasgefäße fand. „Jahrelang hatte sich niemand mehr für diese Objekte interessiert“, erzählt sie, „keiner wusste mehr, was da überhaupt drin ist.“

Die niederländische Ausstellungsmacherin und Publizistin ist auf Einladung des Zentrums für Vergleichende Europäische Studien (ZEUS) der Philosophischen Fakultät in Köln und spricht über die Konzeption ihrer Ausstellung, über die plötzliche Blüte von Ausstellungen zur Esskultur und den Umgang mit Lebensmitteln in ethnologischen Sammlungen. „Forgotten Food in the National Museum of Ethnology“ heißt ihr Vortrag.

„Mehr als 100 Jahre hat niemand mehr diese Gläser geöffnet“, sagt sie, „als der Konservator gerade mal nicht geguckt hat, habe ich eins schnell aufgemacht. Schrecklicher Gestank!“ Ein schnell gemachtes Foto zeigt das Glas von oben ohne Deckel. Merkwürdig verschimmelte braungraue Würste: „Seegurken“, sagt Linda Roodenburg, „in China eine Delikatesse.“ Wie genau dieses und die anderen vergessenen Objekte ins Museum gekommen sind, lässt sich nicht immer mehr nachvollziehen. Porzellanflaschen mit Sauce, getrocknete Haiflossen und Vogelnester in ebenso exotisch anmutenden Zigarrenkisten, kleine Behälter mit Ölen, die aussehen wie teure Parfumkreationen, und Früchte und Pflanzen in Formaldehyd. Manche dieser Objekte tragen eine Nummer. Eine davon führte die Kuratorin auf die Spur von Franz von Siebold, der in den 1820er Jahren das damals noch hermetisch abgeschirmte japanische Kaiserreich bereiste und aus privatem Interesse nicht nur eine Liste der in Edo erhältlichen Lebensmittel zusammenstellte, sondern auch etliche Früchte und Pflanzen nach hause schickte. Nicht nur um kulinarische Geschichte geht es hier, en passant leisten Ausstellungen wie die von Linda Roodenburg einen Beitrag zur Erforschung kolonialer Geschichtsschreibung. Ob den überhaupt gesichert sei, dass es sich bei den gezeigten Objekten wirklich um Lebensmittel gehandelt habe, die auch als solche gesammelt wurden, wird aus dem Publikum gefragt. „Das ist eigentlich nicht entscheidend“, sagt Linda Roodenburg, „wichtig ist, dass sie es sein könnten.

Rotterdams Kookboek

Rotterdams Kookboek

Sie weiß wovon sie spricht, denn die Ausstellung, die sie 2006/2007 im Leidener Museum realisierte, war mitnichten ihre erste Arbeit zu Esskultur. Bereits 2004 erschien das „Rotterdams Kookboek“, herausgegeben von der von ihr gegründeten und nach einer Chilisorte aus Suriname benannten Stichting Madame Jeanet. Ein knallbuntes Buch, das sich zwischen ethnografischer Dokumentation, Warenlexikon und Kochbuch bewegt. 13 Familien mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen besuchte die Autorin und befragte sie zu ihren ganz alltäglichen Essgewohnheiten. Rotterdamer aus Südholland, mit einem chinesischem, einem niederländisch-indischen Hintergrund. Menschen aus Suriname, von den Antillen oder den Kap Verden, aus Eritrea, Iran, der Türkei und Marokko, Italiener und Juden erzählen. Warum sie was, wann und wie essen, wie sie es zubereiten und welche Geschichte sie damit verbinden. Linda Roodenburgs Buch wurde zu Recht mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Unter anderem war es nominiert für einen Preis für die Beste Aufmachung und wurde mit dem Wina Born Prijs für kulinarische Journalistik ausgezeichnet.

Eten op Aarde

Eten op Aarde

2007 folgte „Eten op Aarde“ (zu deutsch: „Das Essen der Welt“), in dem die Autorin ihre empirischen Befunde, ihre Arbeit für die Ausstellung in Leiden und ihr theoretisches Interesse auf einen Nenner brachte. In sechs Dichotomien wie beispielsweise Ost & West oder Schnell & Langsam ordnete sie Kulturmuster, Traditionen und Handlungsvorlagen rund um Esskultur.

Doch das Interesse von ethnologischen Sammlungen an Objekten, die sich abseits einer Sachkultur mit Essen und Trinken beschäftigt, ist nach wie vor gering. „Schlimmer noch“, sagt Linda Roodenburg, „viele Museen befinden sich in einer Phase der sogenannten Deselektion.“ Objekte, die nicht mehr in die gängigen Sammlungskonzepte passen, werden zur Vernichtung freigegeben. Dieses Schicksal wird vermutlich auch die von ihr wieder entdeckten Objekte treffen, da ist sie sich sicher. Unter dem Motto „Alles von Wert ist vergänglich“ versucht sie daher im gerade in der Startphase befindlichen www.foodmuseum.nl diesem Wissensverlust entgegenzuwirken. „Essen ist die Achse einer jeder Kultur“, heißt es in der Einleitung der Website, die Mahlzeit sei der Knotenpunkt von Traditionen die Menschen mit einander verbinden und Kulturen von einander unterscheiden. „Man wird nicht alles vor der Vernichtung retten können, aber hier können einige Objekte wenigstens virtuell überdauern“, sagt Linda Roodenburg, „es ist ein Anfang“.

Rotterdams Kookboek“,

Stichting Madame Jeanet, Rotterdam 2004

516 Seiten, € 29,95

Eten op Aarde

Stichting Madame Jeanet, Rotterdam 2007

336 Seiten, € 24,50

www.lindaroodenburg.com

www.foodmuseum.nl

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