ethnografische notizen 029a: löwenzahn

26 Apr
Heimatmuseum Reinickendorf, Berlin 2010

Heimatmuseum Reinickendorf, Berlin 2010

Der Löwenzahn war, wenn auch nicht unbedingt auf der Rückseite der 500 DM-Scheine, auf der er eine Weile zu sehen war, ein ständiger Begleiter meiner Kindheit. In Umkehrung der natürlichen Chronologie hieß meine liebste Fernsehsendung erst Pusteblume und dann aus rechtlichen Gründen irgendwann Löwenzahn. Es gab eine kinderfreundlich-besuchbare Nachbarin im Ort, die aus den gelben Blüten und Zucker dunklen Sirup herstellte und mit dem aus den hohlen Stängeln austretendem Milchsaft konnte man sich lustige Muster auf den Arm drücken, die an der Luft zu permanenten braunen Ökotätowierungen oxidierten. Die gelbe Blume inspirierte mein kindliches Gemüt auf einem Buch mit dem Titel „Gesundheit aus der Apotheke Gottes“, dessen Autorin Maria Treben, Erfinderin der Schwedenkräuter, ihr Wissen direkt von der Jungfrau Maria erhalten haben wollte.

Doch einmal im Jahr ging mir der Löwenzahn gewaltig auf die Nerven. Dann nämlich, wenn der Frühling kam und meine Eltern, die sonst so großen Wert auf Abwechslung und Ausgewogenheit der Ernährung ihrer Kinder legten, in nahezu hysterische Verzückungen verfielen und gefühlte Wochen bis zur Blüte der Pflanze kaum ein anderes Gemüse mehr auf den Tisch kam. „Herrlich“, sagte mein Vater dann, „an Latzen“ – so die regionaltypische Bezeichnung der salatähnlichen Blätter des Löwenzahns – „könnte ich mich krank essen.“ „Das so etwas einfaches so lecker sein kann“, pflichtete meine Mutter ihm dann bei.

Wir Kinder stocherten derweil im Salat und beschwerten uns über den einen oder anderen Grashalm, fiel die freudige Ernte des Gemüses doch räumlich und zeitlich mit dem ersten Jäten des Rosenbeetes vor dem Haus zusammen. Interessant fanden wir allenfalls, dass hier Eifel und Saarland eine kulinarische Schnittmenge aufwiesen, auch wenn die Eifeler Latzen im Saarland aufgrund ihrer harntreibenden Wirkung Bettseicher oder französisch-handfest pis-en-lit genannt werden.

Nordeifel, April 2011

Nordeifel, April 2011

Heute liegen die Dinge etwas anders, während meine Eltern nach wie vor zu Frühlingsbeginn den Rasen abgrasen – „elf mal hintereinander“ lautete die bisherige Bilanz – esse ich höchstens einmal im Jahr Löwenzahn. Leider, mittlerweile habe ich den leicht bitteren Geschmack schätzen gelernt. Das mag mit der sparsamen Verfügbarkeit abseits der Heimat zu tun haben, in Aachen und Köln ist Löwenzahn allenfalls im Feinkosthandel erhältlich und auch die langen, gelblichen Blätter, die mein türkischer Gemüsehändler in Neukölln zuweilen im Angebot hatte, kommen an den Salat meiner Jugend nicht heran.  Essen ist eben ein wenig mehr als Nahrungsaufnahme. Der Mangel des Originals, das Verlangen nach dem Authentischen, wird im Laufe der Jahre zu einer Vergegenwärtigung von Heimat.

Nordeifel, April 2011

Nordeifel, April 2011

Löwenzahnblätter vor der Blüte am oberen Ende der Wurzel stechen, waschen und putzen. Mit einer Vinaigrette aus Essig, Öl, Senf und Zwiebeln vermischen, ein paar gestampfte Kartoffeln unterheben und mit ausgelassenen Speckwürfeln und ggf. einem kleingeschnittenen Spiegelei garnieren.

Eine Antwort to “ethnografische notizen 029a: löwenzahn”

  1. Rudolf 14. Juli 2015 um 02:21 #

    Schöner Beitrag! „Latze steiche“ (Löwenzahnblätter stechen), sagte meine Mutter immer, bevor der Löwenzahn zu blühen anfing. Sie machte aus den Blättern einen Eintopf mit Kartoffeln, und ich kann mich erinnern, dass ich den Teller immer „geputzt“ habe, so lecker fand ich das Essen. (An Salat aus Löwenzahnblättern kann ich mich nicht erinnern.) Ich habe jetzt ein Rezept gefunden, das wohl auch aus der Eifel stammt:

    http://www.chefkoch.de/rezepte/188161080382231/Loewenzahn-Eintopf.html

    Werde es vielleicht einmal mit Endiviensalat ausprobieren, denn für den Löwenzahn ist es nun zu spät. Nächstes Jahr im zeitigen Frühjahr mache ich mich dann aber auf die Jagd: „Latze steiche“!

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