ethnografische notizen 27: küchenbedarf

3 Mrz
Duikelman, Amsterdam 2011

Duikelman, Amsterdam 2011

Auch wenn es eigentlich um etwas ganz anderes geht, die Geschichte beginnt diesmal im Aachener Rotlichtmilieu. Das lag in meiner periferen westdeutschen Jugend nämlich hinter der örtlichen Filiale der Warenhauskette Horten. Da liegt es auch heute noch, auch wenn Horten nicht mehr Horten heißt, sondern ganz modern „Lust for Life“.  „Hinter Horten“ sagte meine Mutter damals, wenn sie das Unsprechliche irgendwie benennen musste. „Hinter Horten“ war aber trotzdem ein Ort, den man hin und wieder aufsuchte, nicht der käuflichen Liebe wegen, sondern aufgrund des Fachhandels. Denn nur wenige Meter vom Eingang zur Antoniusstraße, dieser bunt angemalten Miniaturausgabe einer Puffstraße, befand und befindet sich das ebenso sagenumwobene „Haus der Küche“. In beiden Schaufenstern sind Pfeffermühlen, Waffeleisen und Puddingformen aus Aluminium in nahezu atemberaubenden Formationen aufeinandergestapelt, dazwischen ein mit Metallwagen voller Marmeladengläser, Nudelhölzer und Einmachgummis vollgestellter Eingang, durch den man sich den Weg in den gut besuchten Laden bahnen muss. „Ich muss noch was hinter Horten besorgen“, sagte meine Mutter bisweilen wenn sie auf der Suche nach einem bestimmten Korken war, wenn sie eine ausgefallene Backform brauchte oder der Deckel des Römertopfes zerbrochen war. Ängstlich wandte ich den Blick ab, wenn die Antoniusstraße ins Blickfeld rückte und erstarrte in ähnlicher Ehrfucht, wenn der Haushaltsvorstand seine zumeist komplizierte Frage an das Personal richtete, welches geheimnisvoll zwischen Plätzchenausstechformen, Henkelmännchen und Kartoffelschälmessern auftauchte und diesen aus Hartholz, Melanin und Edelstahl geformten Hort der Kochkunst in meiner kindlichen Vorstellung nie verließ. Welches Geschäft konnte denn schon mit einer Inhaberin mit dem nahezu magischen Namen „Anna Charlotte Frischmuth“ aufwarten? Herrin der Käsefonduesets, Ausbeinmesser und Stabmixer. „Die haben aber auch wirklich alles“, sagte meine Mutter später, wenn wir dann wieder auf meinen Vater und meine Schwester trafen, „dieser Laden ist einmalig.“ Ich trug dann stolz das erworbene Madeleine-Backblech, den Schaumlöffel oder die neue Muskatreibe und glaubte ihr. Einzigartig musste dieses Geschäft sein, nirgendwo auf dieser Welt gab es etwas vergleichbares. Dabei blieb es, auch als ich die Heimat verließ. Nirgendwo, nicht in Amsterdam, nicht in Bonn oder in Köln und schon gar nicht in Berlin geriet ich an eine ähnlich überwältigende Auswahl und kompetente Beratung. Die Mefferdatisstraße blieb im Sprachgebrauch meiner Eltern „hinter Horten“ und das „Haus der Küche“ blieb in meiner Vorstellung ein solitärer Juwel.

Haus der Küche, Aachen 2010

Haus der Küche, Aachen 2010

Doch dann, in dieser eiskalten Freitagnacht im Februar, auf dem Gepäckträger des klapprigen Fahrrads meines Amsterdamer Freundes, sollte alles anders werden. „Guck mal“, sagte Marco auf dem Heimweg aus der Kneipe, zeigt auf einen Laden und versuchte nicht mit dem Vorderrad in die Straßenbahnschienen der Ferdinand-Bol-Straat zu geraten, „kennst Du eigentlich Duikelman?“ „Nein“, antworte ich nichtsahnend, „was verkaufen die denn so?“ „Küchenkram“, antwortet der Holländer, „dass gerade Du das nicht kennst!?“

Duikelman, Amsterdam 2011

Duikelman, Amsterdam 2011

Mir schwante schreckliches und am nächsten Tag zwang ich meinen Mann, nach wie vor bei Temperaturen rund um den Gefrierpunkt, statt des geplanten gemütlichen Kaffeebesuchs mit Apfelkuchen in der Villa Zeezicht nochmals auf einem kleinen Klapprad quer durch die Stadt, um den Laden unmittelbar in Augenschein zu nehmen.
So unauffällig die Fassade mit ihren dunkelgraue Markisen mit den dezent dekorierten Schaufenstern mit Kitchen-Aid-Modellen in rosa, türkis und weinrot, so überraschend das Innenleben des Geschäfts. „Da wohne ich mehr als zwei Jahre in dieser Stadt und ausgerechnet sowas geht mir durch die Lappen“, empöre ich mich, während ich mich durch den schmalen Gang mit Hummerbestecken und Schneckenzangen arbeite. Und trotz klaustrophobischen Wallungen, die die anderen Gelegenheitsshopper, die wie ich nicht wirklich etwas bestimmtes suchen, in mir hervorrufen, will ich mehr! Denn das Konzept ist einfach und entspricht dem seines Aachener Pendants: die Dichte macht’s. „Ich geh’ hier nie raus, ohne irgendetwas zu kaufen“, sagt die große Frau in den hohen Wildlederstiefeln neben mir zu ihrer Freundin. „Recht hat sie“, denke ich und verspüre trotzdem das dringende Bedürfnis, sie mit einem gezielten Tritt aus ihrer Blockade vor dem Regal mit den hölzernen Gurkenzangen zu entfernen.
„Ich will“, denke ich. Aber was eigentlich? Ein Ankauf aus der riesigen Auswahl an Kupferpfännchen und -töpfen kommt bei meiner gegenwärtigen Haushaltslage nicht wirklich in Frage. Ich entscheide mich für einen kleine gusseiserne Aufsatz zur Zubereitung von Schmorgerichten auf Gasherden und frage mich ernsthaft, wie ich ohne diese Erfindung jemals überhaupt ein Gulasch habe kochen können. „9,90 Euro“, sagt der freundliche Herr an der Kasse. „Moment“, rufe ich und renne hektisch noch einmal in einen willkürlichen Gang. Triumphierend halte ich eine sogenannte lardeernaald in der Hand, eine dicke lange Nadel für 3,65 Euro. Zum Spicken von schweren Fleischstücken. Nicht, dass ein Rehrücken zu meinen einfacheren und häufigen Übungen gehören würde, aber über den Zustand des „brauchens“ bin ich in solchen Geschäften schon längst hinaus.

Haus der Küche
Mefferdatisstr. 10
52062 Aachen

Duikelman
Ferdinand Bolstraat 68
1072 LM Amsterdam
www.duikelman.nl

Eine Antwort to “ethnografische notizen 27: küchenbedarf”

  1. Dominic Johnek 3. August 2016 um 13:46 #

    Spannendes Konzept – Aber übersichtlicher finde ich es ja schon im Onlineshop.

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