ethnografische notizen 25: l’art culinaire moderne

30 Jan

"L'Art Culinaire Moderne - La Bonne Table Française et Étrangère"

Auf dem Weg vom Lütticher Bahnhof in die Stadt passiere ich diesmal nicht nur diverse duftende Konditoreien und Fleischfachgeschäfte mit appetitlich drapierten Gerichten zum Mitnehmen, sondern komme auch am unlängst eröffneten Buchladen von Oxfam in der Rue Saint-Gilles vorbei. Schon die Öffnungszeiten sind mir sympathisch – Montag bis Freitag 10 bis 17:30, im Sommer bis 18 Uhr. Ältere Damen und Herren, denn solche betreiben offensichtlich das Geschäft, leben mit den Jahreszeiten und sind eben gerne nicht erst bei vollständiger Dunkelheit zuhause.

Ein altes belgisches Kochbuch vielleicht, denke ich mir und weil noch ein bisschen Zeit bis zum Termin ist, klappe ich meinen Regenschirm zusammen und betrete den Laden. Abgegriffene Paperbackromane in billigen Kiefernregalen und sorgfältig gestapelte alte Magazine auf den Tischen in der Mitte des Raumes. Dazwischen eine nahezu andächtige Stille, die nur durch die schlurfenden Schritte eines älteren Herrn im tannengrünen Pullover unterbrochen werden, der nach und nach ein paar Bücher in der Vitrine unweit der Kasse platziert. Es riecht nach altem Papier. In einer Plastikbox entdecke ich alte Kochzeitschriften. Nichts besonderes, eher langweilige Gebrauchsküche für den Alltag und darüber hinaus stammen die Hefte aus Frankreich. Eine benachbarte Kiste enthält, ebenfalls aus Frankreich, eine Menge dünner Taschenbücher mit dem Titel „Que sais je“ (Was weiß ich). Eine Art „Was ist Was“ avant la lettre, denn die ältesten Bücher stammen aus den direkten Nachkriegsjahren. Da jeder Band nur 50 Cent kosten soll, greife ich zu, auch wenn ich vermutlich nicht über die Einleitung hinaus kommen werde. „Les fruits coloniaux“ über den Anbau von exotischen Früchten von 1946 und „La Viande“ über die Strukturen des Fleischhandels der 60er Jahre. Es folgen ein Taschenbuch über das Hohe Venn und aus der Abteilung „Cuisine et cuisiner“ ein dünnes Heft über die Vorzüge des Frittierens. Letzteres übrigens, wer hätte es gedacht, eine originär belgische Publikation. Die Verwendung von Rinderfett sei nicht nur aus geschmacklichen sondern auch aus gesundheitlichen Gründen vorzuziehen, lese ich dort, es tendiere weniger dazu, sich im Frittiergut festzusetzen. Ansonsten ist die Kochbuchabteilung mit billig gemachten und nicht besonders interessanten Heftchen aus den letzten beiden Jahrzehnten zu Themen wie Cocktail, Low Carb und Mexikanische Küche bestückt.

Der Herr im tannengrünen Pullover platziert mit unendlicher Geduld ein antikes Kinderbuch in der Vitrine derweil ich die Verkaufstheke betrachte. Vor mir liegt ein dickes dunkelblaues Buch mit der goldenen Aufschrift „L’Art Culinaire Moderne – La Bonne Table Française et Étrangère“. „Ist das auch zu verkaufen“, frage ich den Schauwerbegestalter, der mich irgendwie an Mr. Stringer aus den frühen Miss Marple-Filmen erinnert. „Aber ja“, antwortet dieser und fügt etwas verlegen hinzu, dass er aber erst hinten durch den Preis erfragen müsse, das Buch sei gerade erst gekommen. Er  verschwindet nach hinten. Aus dem durch einen Vorhang zwischen zwei Regalen abgetrennten Hinterraum klingen die angeregten Stimmen älterer Damen bei der ehrenamtlichen Arbeit.

Während er sein Anliegen vorbringt, werfe ich einen ersten Blick in das gut vier Pfund schweren Buch von 1937. 3500 Rezepte und 480 Illustrationen verspricht mir der Inneneinband und in vergleichbaren Größenordnungen geht es weiter. Das zeitgemäße Menü umfasse sieben Gänge, lese ich auf S. 65. Eine Suppe, der man auch noch Austern vorweg gehen lassen könne, ein Fischgericht, ein Fleischgericht, ein kaltes Gericht plus Salat, die Gemüse (Plural!), der Käse und schließlich der Nachtisch, die Früchte und das Dessert. „Will ich“, denke ich und Mr. Stringer kehrt mit einer sanft wirkenden Miss Marple in einem taubenblauen Twinset zurück. Das Buch sei gerade erst eingetroffen, wiederholt sie, sie müsse erst den Preis ermitteln und ob ich vielleicht einen Moment Zeit hätte. Habe ich und während das Duo wieder verschwindet widme ich mich erneut der Kochbuchabteilung. Ich zähle alleine 15 Bände zum Thema „Kochen mit der Mikrowelle“, deren französische Bezeichnung „le micro-ondes“ zwar putzig ist, aber mit dem dänischen „mikrobølgeoven“ keinesfalls mithalten kann. Hat wohl irgendwann irgendjemand mal nach einem dieser eher technischen Versuchsaufbauten gleichenden Bücher gekocht? Kocht heute überhaupt noch jemand mit der Mikrowelle?

Mr. Stringer und seine Frau – der Filmdarsteller war im wahren Leben übrigens tatsächlich mit der Marple-Darstellerin Margaret Rutherford verheiratet – bleiben verdächtig lange im Hinterstübchen. „Das wird teuer“, denke ich mir und zähle schon mal die Preise der sonstigen Bücher aus meinem Stapel zusammen. Nach einer gefühlten Ewigkeit steht die Hobbydetektivin des antiquarischen Buchhandels mit ernstem Gesicht wieder vor mir. Sie habe den Band im Netz gefunden, berichtet sie; so, als habe sie gerade eine verschollen geglaubte Federzeichnung von Rembrandt wiederentdeckt. Sie nennt eine Internetseite und einen Preis den ich aufgrund ihres rasanten Französischs nicht verstehe. Sie schürzt die Lippen und legt den wohlondulierten Kopf ein wenig schräg. „Also“, sagt sie und ich fühle mich ein wenig wie ein Kandidat im Jungle-Camp kurz vor dem Rauswurf, „ich müsste schon … also … zwischen sechs und sieben Euro müsste ich schon verlangen.“ Wir einigen uns auf 6,50 und machen uns ans Abkassieren. Die geschäftsführende Direktorin ist offensichtlich genauso erleichtert über das abgeschlossene Geschäft wie ich es bin. Fröhlich tippt sie in die Kasse und vergisst die Return-Taste zu drücken, so dass schlussendlich statt der von mir auf die Schnelle kalkulierten neun Euro € 505,50 auf der Digitalanzeige erscheinen. Mr. Stringer verschwindet diskret im Hintergrund, aber eine weitere in vanillefarbenen Strick gekleidete Dame eilt zur Hilfe. Als die widerspenstige Kasse den Sofortstorno nach wie vor verweigert, schreibt sie den von mir zu zahlenden Betrag mit resoluten Bleistiftziffern auf einen alten Briefumschlag. „So“, sagt sie und knallt den Stift auf den Tresen, „wäre doch gelacht. Und das hier ist auch viel zu teuer“, sagt sie zu ihrer Kollegin, die ihr ohne Worte den Radiergummi reicht. Der Preis der Frittierbibel wird kurzerhand um zwei Drittel reduziert und beide lachen ein wenig dämonisch. „Sind Sie wirklich fertig“, fragen sie, plötzlich wieder ganz fürsorglich, „wir haben doch noch so viele Bücher.“ „3500 Rezepte müssen erst einmal reichen“, antworte ich, „ich komme aber gerne mal wieder, wenn ich dann damit durch bin.“

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