ethnografische notizen 24: „living kitchen“, internationale möbelmesse köln

23 Jan

Anspruch und Wirklichkeit liegen oft weit auseinander. Um diese Einsicht zu gewinnen, muss man sich nicht erst in die Geschichte des Kommunismus vertiefen – ein Besuch bei der „Living Kitchen“, der neuen Attraktion der Internationalen Möbelmesse in Köln.

"Cooktainment" mit Nelson Müller, Internationale Möbelmesse Köln 2011

In Halle 4.1 mit dem hübschen neudeutschen Titel „Cooktainment/Kochshows“ begrüßt eine Vertreterin des Herstellers Hettich das überwiegend privat interessierte Publikum am letzten Tag der Messe. „Guten Tag meine Damen und Herren“, sagt die professionell-freundliche junge Frau in ihr fleischfarbenes Headset, „ich begrüße Sie zu unserer Vision der Küche 2015.“ In den folgenden fünf Minuten lässt sie per Touchscreen-Sensor diverse Hochglanzflächen nach links oder nach rechts gleiten, holt mit einem leichten Fingerdruck den unsichtbaren Wasserhahn aus seiner Versenkung und erklärt den staunenden Damen und Herren, dass sie auch auf der anderen Seite der Küchenwand, im Kaminzimmer, den Zustand des Hähnchens im Ofen per LCD-Bildschirm und in den Backofen integrierter Kamera im Auge behalten können. Sie lässt eine Besucherin die von beiden Seiten zu öffnende Spülmaschine bedienen und führt den erleichterten Start in den Morgen mittels eines eigens entwickelten Frühstücksmoduls vor. „Sie ist so sexy“, findet mein kalifornischer Freund Peter, der nicht ganz freiwillig mit von der Partie ist. Ich hingegen finde sie in etwa so charmant wie den von ihr präsentierte selbstverständlich in eine weitere glatte Oberfläche integrierte Eisklötzchenhersteller. Sie fährt und es verriegelt, sie spült und kalibriert und plötzlich erinnert sich mich an Doris Day in ihrem Film „Spion im Spitzenhöschen“ von 1966. Als Jennifer Nelson fand sie sich damals im Haus ihres Chefs in einer futuristischen Küche, erlag den Tücken des mit der Stimme gesteuerten Backofens und muss letztendlich vor den wiederholten Angriffen des vollautomatischen Staubsaugers fliehen. Was 45 Jahre später in Köln gezeigt wird, ist nicht die Zukunft sondern eine Wiederauflage einer mehr als 40 Jahre alten Vision. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag“, sagt Miss Hettich, „nehmen Sie sich doch ein bisschen Tee mit, sie finden genug davon in der Spülmaschine.“

"Living Kitchen", Internationale Möbelmesse Köln 2011

Ein Stückchen weiter ein weiterer Menschenauflauf. Zahlreiche Besucher und Besucherinnen beobachten interessiert wie Fernsehkoch Nelson Müller eine Tasche in ein just entbeintes Entenbrustfilet schneidet. „An die eigenen Messer lässt man niemanden ran“, erklärt der Essener Profi, die Arbeit in der Küche sei eben etwas ganz persönliches. Das passt zum Stand nebenan, der unter dem Motto „Kochleidenschaft ohne Grenzen“ weitere Hochglanzoberflächen anpreist. Alles ziemlich teuer und alles ziemlich unpraktisch, wie man an den diversen jungen Frauen erkennen kann, die sich an nahezu allen Messeständen mit einer Flasche Glasreiniger in der einen und einem Mikrofasertuch in der anderen zwischen Induktionsfeld und Ceranfläche hin und her hangeln. Das hat mit Kochen, Lebensmitteln und Genuss irgendwie wenig zu tun. Hier fungiert die Küche als reines Statussymbol und der Preis muss eben sichtbar sein. Auch das ist nicht wirklich neu, im von mir vielzitierten Eifeldorf meiner Kindheit waren die Küchen der makellosen Einfamilienhäuser meist weiß („Die Megafarbe Weiß bleibt“ versprechen die Wohntrends 2011 im Messekatalog) und wurden selten bis gar nicht genutzt. Gekocht wurde vielfach im Keller, wohin die alte bei der Anschaffung einer neuen (Küche) verschwand. Da hat sich also wenig getan, auch wenn die meisten Anbieten in 2011 nicht mehr aus West-Germany stammen, sondern aus der Schweiz und den Niederlanden stammen. Lediglich die Schweden unterlaufen diese schöne Illusion der Küchenzukunft. „Falls Dir die Küchenmesse langweilig wird“, heißt es auf den in der Stadt plakatierten Werbungen, deren Frequenz Richtung Messegelände immer dichter wird, „Dein Messeticket gilt auch für die Fahrt zum nächsten IKEA.“

Bahnhof Deutz, Köln 2011

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