ethnografische notizen 022: gran canaria 03

11 Jan

Ein letzter Bericht von der Insel, denn es wäre vermessen, nicht wenigstens einmal über die einheimische Küche zu schreiben, die abseits des touristischen Fleischsalats (pun intended!) durchaus auch interessantes zu bieten hat. Auch wenn die Unterschiede zum spanischen Festland bis auf die obligatorischen papas arrugadas con mojo, kleine in Salzwasser gekochten Kartoffeln mit Knoblauchsalsa, und eine gelegentliche Papaya eher gering sind.Doch der Reiseführer empfiehlt den Bauernmarkt von Teror, einer kleinen Stadt im Norden der Insel. Der Ort sei, so heißt es weiter, bislang von den Auswüchsen des Massentourismus verschont geblieben sei. Als wir nach einer langen und kurvenreichen Fahrt durch das Innere der Insel auf einer vollkommen verstopften Zugangstraße umkehren müssen, um uns außerhalb der Kleinstadt einen Parkplatz zu suchen, kommen jedoch die ersten Zweifel.

Chorizo terorero, Gran Canaria (Dezember 2010)

Chorizo terorero, Gran Canaria (Dezember 2010)

Der Markt als solcher ist aber dann doch überwiegend von Spaniern besucht, entspricht aber nur bedingt meinen zugegebenermaßen romantisch verklärten Vorstellungen eines Bauernmarktes auf dem schwarz gekleidete und freundlich lächelnde kanarische Witwen die Früchte ihrer Feldarbeit verkaufen. Die meisten Stände verkaufen Brot und Kuchen aus einer Bäckerei oder Plastikware aus südostasiatischer Produktion und vor dem Rathaus beschallt eine Gruppe Südamerikaner den Platz mit der gleichen Indio-Folklore, die auch in Deutschland seit Jahren die Fußgängerzonen erklingen lässt. Es ist Mittag und bei einer freundlichen Dame mittleren Alters, offensichtlich keine Witwe sondern eine dynamische Ich-AG, erstehe ich ein Butterbrot mit Käse und eins mit Chorizo. Das Brot ist ziemlich luftig-locker, die Chorizo heißt hier teroreo und ist eine Schmierwurst, der Käse aus einer Mischung aus Ziegen-, Schafs- und Kuhmilch und ziemlich kräftig im Geschmack. Die Verkäuferin freut sich sichtlich über meine auf eingeübtem Spanisch vorgetragene Bestellung und zum ersten Mal seit Ankunft bekomme ich keine deutsche Antwort.

Tortilla español in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Tortilla español in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Wir beschließen in einer Bar am Ortsausgang noch einen Kaffee zu trinken. „Einmal tortilla español“, wiederholt mein Freund Rainer mehrmals und zeigt auf die am Eingang hängende Kreidetafel mit den Tagesgerichten. Die dicke Dame hinter der Theke legt ihre Zigarette weg und lässt sich auch durch die Tatsache, dass keiner von uns ihre Rückfrage versteht nicht aus der Ruhe bringen. Sie verschwindet hinten durch und bringt Besteck und Servietten für sieben Personen. „Wahrscheinlich hast Du gerade für den ganzen Ort bestellt“, sage ich. Die Portion bleibt überschaubar, ist aber großartig lecker, da sind sich alle einig.

Maronenverkauf in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Maronenverkauf in Teror, Gran Canaria (Dezember 2010)

Vor der Kirche dann endlich eine kanarische Witwe, die – zwar nicht schwarz gekleidet und auch nicht wirklich freundlich lächelnd –  in zwei großen auf mit heißen Kohlen gefüllten Stahlrohren stehenden Kochtöpfen Maronen röstet. Der Stand daneben verkauft unter dem originellen Namen Buen Rollo den transsilvanischen Baumkuchen, den ich unlängst in Budapest und zu Ostern auf dem Alstädter Ring in Prag probieren konnte. Deutsche Weihnachtsmarktbuden verkaufen schließlich auch lángos, warum sollte man also kurz vor Weihnachten auf den Kanaren also nicht kürtös kalács bekommen? Willkommen in Europa!

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