ethnografische notizen 021a: hühnereier

5 Jan

Es bleibt interessant zu beobachten, wie die Wertigkeit von Lebensmitteln sich ganz unvermittelt und umfassend verschieben kann. So ist das bundesdeutsche Frühstücksei im Rahmen des gegenwärtigen Dioxinskandals plötzlich zum Inbegriff des bürgerlichen Glaubens einer „anständigen“ Nahrungsmittelproduktion geworden.

Hühner im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern, 2005

Hühner im Rheinischen Freilichtmuseum Kommern, 2005

In meiner Kindheit spielten Eier keine so außergewöhnliche Rolle. Sie wurden gut alle zwei Wochen beim Bauern im Nachbarort geholt und während meine Mutter mit der Bäuerin erzählte, wunderte ich mich, dass die Hühner so einfach durch die Küche laufen durften. Eier wurden beim Backen und Kochen weiterverarbeitet, es gab sie bunt zu Ostern und lila am Palmsonntag. Sie lagen hartgekocht im durchgedrehten Mangold und manchmal als Spiegelei auf einer Scheibe Graubrot. Und gelegentlich standen sie auch mal unter einem grün-roten Mützchen auf dem sonntäglichen Frühstückstisch.

Mitten im gegenwärtigen medialen Hype um Futterfette, Giftstoffe und Risikobetriebe könnte man meinen, den Deutschen wären ihre Eier noch lieber als ihr Auto und der Fußball. „Gibt es etwas Glücklicheres als ein 4-Minuten-Ei zu löffeln“, fragt sich der Chefkolumnist des Springerverlags Franz Josef Wagner in der Bildzeitung. Und dann: „Ich mag Dich nicht mehr essen. Ich mag Deine Schale nicht mehr öffnen, ich habe Angst vor dem flüssigen Gold.“ Das klingt nicht nur nach einem Fernstudium in kreativem Schreiben, sondern auch als sei mit dem Ei der Kern des Abendlandes bedroht und als wäre der Dioxin-Skandal der erste, den es je rund um die industrielle Haltung von Hühnern gegeben habe.

In den Aachener Nachrichten findet sich ein Artikel mit dem Titel: „Darf man sein Frühstücksei noch genießen?“ Der verwirrte Konsument weiß nicht mehr aus und ein, so ohne sein Ei – und die Zeitung leistet die benötigte Hilfestellung. Es sei kein in der Städteregion Aachen beheimateter Betrieb mit kontaminiertem Futter beliefert worden, weiß man die Leser zu beruhigen. Man wolle die Sache nicht verharmlosen, aber die Grenzwerte würden sich im Nanobereich bewegen.

Osterkuchen in Madrid, 2010

Osterkuchen in Madrid, 2010

Doch eine Information fehlt mir und ich muss eine Weile suchen, bis ich sie schließlich – wo sonst – in der taz finde. „Es gibt keine Erkenntnisse, dass auch Bioeier von der Dioxinverseuchung durch Industriefett betroffen sind“, lese ich in einem Infokasten und das zum Beispiel den vom der Bioland-Verband kontrollierten Tierhaltern die Verfütterung von konventionell erzeugten Futterfetten verboten sei. Ein Restrisiko bestehe lediglich durch Betrugsversuche der Zulieferer. Kein Wort davon in den anderen Medien, die im vergangenen Jahr gerne schon einmal darauf hinwiesen, dass nach ökologischen Regeln erzeugte Produkte nicht gesünder seien als solche aus der konventionell-industriellen Landwirtschaft. Nicht gesünder, aber weniger giftig.

„Dieser Mann panscht Gift-Fett in unser Essen“ titelt die „Bild“ und druckt das Foto des Futtermittelherstellers aus Schleswig-Holstein. Doch die größte Macht des Lebensmittelmarktes haben nicht die Konzerne und auch nicht die Lobbyverbände. Die größte Macht in Sachen Essen und Trinken hat immer noch der Verbraucher, der mit dem Griff nach dem richtigen Produkt entscheidet. Der Teufel steckt im Detail, oder eben im Ei!

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