ethnografische notizen 020: gran canaria 01

29 Dez

Playa del Inglés (Gran Canaria), Dezember 2010

Die Küche im Süden Gran Canarias ist eindeutig deutsch. In den Straßen von Playa del Inglés, der Hochburg vorweihnachtlichen bundesdeutschen Senioren- und Schwulentourismus, komme ich mir vor wie in einem riesigen Freilichtmuseum, das sich die Dokumentation spießbürgerlicher Gutbürgerlichkeit in Zeiten billiger Pauschalreisen zur Aufgabe gemacht hat. Selbst das zu Hause fast aus dem öffentlichen Raum verschwundene Dosenbier wird hier gepflegt. Cappuccino mit Sahne für 2,50 und eine Tasse Tchibo-Kaffee für sage und schreibe einen Euro werden auf einer Klapptafel mit dem Logo eines Münchner Bierbrauers beworben. Deutsches Mittelmaß als Qualitätsstandard am Urlaubsort. Die Dichte an deutschen Bäckereien, Metzgereien, Cafés und Konditoreien übertrifft die meiner westdeutschen Heimatstadt bei weitem. Gran Canaria ist deutsches Land, daran lässt nicht nur die im Supermarkt neben der „Gala“ erhältliche „Deutsche Nationalzeitung“ keinen Zweifel, auf deren Titelblatt ausgerechnet Verteidigungsminister zu Guttenberg als Verräter bezeichnet wird. Auch die gelegentlich folkloristisch ins Straßenbild eingestreuten Lokalitäten der Nachbarn, wie das dänische „Hos Pia“ (bei Pia) oder die „Holland Corner“ mit frikandel speciaal und kroket auf der Karte bieten nur geringen Widerstand gegen die germanische Übermacht aus Kirschstreusel, Kartoffelsalat und Fleischsalat. „Gänsekeule mit Rotkohl und Semmelknödeln auf Vorbestellung.“ Deutsche Panzer rollen wieder – diesmal in Form von übergewichtigen Damen aus dem Ruhrgebiet und fettleibigen Herren aus Oberschwaben, die nach dem Nacktbaden oder dem Freikörpervolleyballspiel ihre massigen Körper über die Strandpromenade Richtung Hotelbüffet schieben.

Playa del Inglés (Gran Canaria), Dezember 2010

Ganz ohne Verpflegung in Appartements eingebucht, machen wir uns am ersten Abend auf die Suche nach einem Restaurant und da uns die deutsch-englisch-niederländisch-schwedische Karte des im Hotel gelegenen gleichnamigen Restaurants noch misstrauisch stimmt, gehen wir ein Stück die Straße hoch. Um bald jedoch festzustellen, dass auch das Angebot der Pizzeria Napoli oder des Steakhauses Argentinia exakt dem eines mittelmäßigen Kleinstadtbistros entsprechen. Übertroffen werden diese kulinarischen Grabbeltische allenfalls noch durch die zahlreichen All You Can Eat-Chinarestaurants, deren Mobiliar inselweit beim selben Hersteller bestellt worden zu sein scheint. „Hola señores“, sagen die meist älteren Kellner am Straßenrand, „inglés, sueco, aleman?“ und ziehen die bereits in der Landessprache aufgeschlagene und in braunes Kunstleder eingebundene Speisekarte hervor. Wir sind noch immer nicht überzeugt, ziehen weiter und versuchen krampfhaft, die in Richtung Zentrum immer intensiver werdenden Lockversuche zu ignorieren. Auch wenn die Restaurants nicht leer sind, es ist keine Hochsaison und es wird ums Überleben gekämpft. Auf der naiven Suche nach Authentizität landen wir ausgerechnete mitten im Yumbo-Center, der, tagsüber eine familiäres Billigeinkaufsparadies, bei Nacht zum um eine leere Mitte kreisenden schwulen Hotspot mutiert. Dragqueens in schlecht sitzenden Kleidern und spärlich bekleidete Häschen werben für Shows und Drinks in noch nahezu leeren Bars und Diskotheken. Mittelalte heterosexuelle Paare betrachten in großen Sesseln aus Fiberglas in Korboptik die vorbeiziehenden, für die Nacht zurechtgemachten mittelalten Herren. Eine Dame mit einer blonden Dauerwelle hat sich die Glitzerdeko ihres grellgefärbten Fruchtcocktails ins Haar gesteckt und schaut mit versteinerter Miene an ihrem Gatten entlang.

Playa del Inglés (Gran Canaria), Dezember 2010

Wir entscheiden uns endlich für ein spanisch angehauchtes Etablissement namens „Miramar“, zu deutsch der Meeresblick. Vermutlich weil wir Hunger haben, des Suchens leid sind und die weniger Gäste der Terrassenecke ein klein bisschen weniger schrill wirken als im Rest der Anlage. Der Kellner wiederholt meine auf spanisch vorgetragene Bestellung lenguado a la plancha auf Deutsch. Doch mit „gegrillte Seezunge“ scheinen seinen Fremdsprachenkenntnisse erschöpft und den Rest seines routinierten Witzchenprogramms absolviert er – nicht uncharmant – mit Gesten und Blicken. In umgekehrter Gewichtung beschränkt sich der spanische oder gar kanarische Anteil der Speisekarte auf gegrillten Fisch und die papas arrugadas con mojo, kleine in starkem Salzwasser gekochte Pellkartoffeln mit einer scharfen, roten Knoblauchsauce.  Doch das Essen weist für ein Restaurant im Epizentrum des Geschehens ein passables Preisleistungsverhältnis auf. Der Fisch ist frisch, die Fritten ordentlich und die Schale der Zitrone neben meinem Fisch kunstvoll zu einem kleinen Körbchen geschnitzt. Ich frage mich, ob die ebenso kapriziös dekorierte Orangenscheibe nebst zuckersüßer Belegkirsche eine deutsche Erfindung ist. Nach dem Essen beobachten wir deutsche Touristen in knapper Strandbekleidung auf der anderen Seite der Balustrade, die vermeintlich unbemerkt hinter dem Ständer eines Zeitschriftenladens in aller Seelenruhe die unbezahlte Bildzeitung lesen. Nicht nur die Küche im Süden der Insel ist eben durch und durch deutsch.

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