ethnografische notizen 019: waffelbacken im advent

15 Dez

Köln, Dezember 2010

In Köln bezeichnet man bereits mehr als zweimal in regelmäßigen Abständen hintereinander ausgeführte Handlungsmuster gerne als Tradition. Das Waffelbacken am 3. Advent veranstalten meine Freunde Stefan und Andreas hingegen bereits zum neunten oder zehnten Mal –  so genau kann sich da keiner mehr dran erinnern. Die Küche ist wieder aufgeräumt, die leeren Sektflaschen stehen ordentlich sortiert vor der Tür und die Spülmaschine läuft ein letztes Mal. Lediglich die Waffeleisen vom Vortag weisen noch ein paar Teigreste auf. Rund 35 Freunde und Bekannte verzehrten zwischen drei und elf Uhr insgesamt 72 Eier und mehr als 2 Kilogramm Butter.

Waffeln waren für mich jahrzehntelang weniger mit hippen Stehpartys als mit Pfarr- und Nachbarschaftsfesten verbunden. Mit großen von einer der Dorfbäckereien angelieferten weißen Eimern mit flüssigem Teig und mit auf der Wiese aufgebauten Waffeleisen, hinter denen gut gelaunte Hausfrauen die Kellen schwangen. Dabei ist das Rheinland umgeben von einem ganzen Waffeluniversum. Rechtsrheinisch hat man die herzförmige Standardversion sogar als regionale Spezialität schwerpunktmäßig in der „Bergischen Kaffeetafel“ verankert. Die Niederländer können mit ihren stroopwafels (auf französisch gaufre hollandaise) punkten – eine aus Holland stammenden Kombination aus dünnen mit Zimt gewürzten Waffeln und einer kochendheißen Butter-Zucker-Masse, die mitunter als Fabrikversion auch bei uns in den Supermärkten auftaucht. Vergleichbar auf belgisch-wallonischer Seite sind die Lütticher lacquemants, die vor allem auf dem Foire, dem im Oktober veranstalteten riesigen Jahrmarkts in rauen Mengen verzehrt werden und die statt Butter und Zucker mit ebenso heißem Apfelkraut aneinandergeklebt werden. Doch Belgien hat mehr zu bieten, wie beispielsweise die dicken Lütticher Waffeln aus Hefeteig oder die etwas elegantere, leichtere Brüsseler Version, die rund um das Manneken Pis mit Sahne, Schokolade und Erdbeeren vor allem bei amerikanischen Touristen Absatz findet.

In Köln gab’s am 3. Advent gleich vier Eisen und mit den Geschmacksrichtungen Standard, Walnuß und herzhaft gleich drei Versionen in Herzchenform. Auch das hat Tradition.

Köln, 2004

3 Antworten to “ethnografische notizen 019: waffelbacken im advent”

  1. Manfred Bausch 15. Dezember 2010 um 00:20 #

    Habe waffeln auch erst später im leben wirklich schätzen gelernt..
    für die herrlicher lütticher variante stelle ich dir gerne einmal das passende eisen und das dazu gehörende rezept (wichtig: der gute ’sucre perlé‘ ohne den es niiiiiiie richtig wird) zur verfügung;)
    (p.s…. und dabei hatte ich so auf dem dampfentsafter gewettet!)

    • johannesarens 15. Dezember 2010 um 03:50 #

      Irgendwie hatte ich die Einladung zum Dampfentsaften verlegt 🙂

  2. Jens 15. Dezember 2010 um 00:50 #

    Ich war am Sonntag auch auf einer Waffelparty. Dort gab es Hefeteig-Waffeln und es wurde die Frage gestellt, ob VeganerInnen mit Hefe hergestellte Speisen essen dürfen. Schreibe doch bitte einmal etwas über das LEBENDIGE in der Hefe. Grüssle von Frau Krescher!

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