ethnografische notizen 018: stollen

7 Dez

Butterstollen, Aachen, Dezember 2010

Ein Freund verursacht mit seiner abendlichen Ankündigung auf Facebook, die Stollen seien, wenn auch leider etwas spät im Rahmen der Weihnachtsvorbereitungen, nun endlich im Ofen, immerhin elf Kommentare unterschiedlichster User. Alle möchten gerne ein Stück abbekommen, manche sogar einen ganzen Kuchen und einer schreibt, nachdem er sich nach dem Marzipangehalt erkundigt hat, sogar einen passenden Witz: „Treffen sich zwei Rosinen. Sagt die eine: ‚Warum trägst Du denn ’nen Helm mit Grubenlampe?’ Sagt die andere: ‚Ich geh’ in den Stollen!’“ So weit hergeholt ist die Pointe dabei gar nicht, vermutet man doch, dass die geläufige Bezeichnung für das zuvor als Striezel bekannte Gebäck daher rührt, dass es in einem kühlen, dunklen Raum mehrere Wochen reifen muss.

Bei uns zuhause war die rechtzeitige Zubereitung des Weihnachtsstollens eine Angelegenheit, die mir als Kind sehr ernst und gewichtig vorkam. Sie gehörte zu den Momenten. in denen meine Eltern gemeinsam am großen Ikea-Tisch in der Küche arbeiteten. Mein Vater zerkleinerte die Nüsse, in den Hochzeiten ihrer Ökobegeisterung zu Beginn der 1980er Jahre gehörte auch das Schneiden einer im Ganzen im 20 Kilometer entfernten Bioladen gekauften Pomeranzenschale dazu. Meine Mutter hingegen war für die strikte Sperrung der Küche während der Gehzeiten des Teigs zuständig, die dem zeitgeschichtlichen Kontext des Kalten Kriegs durchaus angemessen war. Wir Kinder saßen in selbstgestrickten Pullovern mit kleinen Friedenstauben-Buttons auf der Bank und sahen zu. Meine Ehrfurcht vor diesem alljährlichen Ritual beruht vermutlich auch auf der Tatsache, dass, um die Gleichmäßigkeit der beiden produzierten Gebäckstücke zu garantieren, ein gelber Holzzollstock zum Einsatz kam, den ich ansonsten selten in der Hand meines nur wenig heimwerkelbegeisterten Vaters sah.

Wie zwei fette Maden lagen die beiden rohen Teigstücke, die der Legende nach an das gewickelte Christkind erinnern sollen, auf dem glänzend eingefetteten Backblech nachdem zuvor in ihrer Mitte jeweils ein in zwei Hälften geschnittenes Marzipanbrot im Schokoladenmantel begraben worden war. Im Dresdner Stollen, seit 1997 eine gesetzlich geschützte Bezeichnung, ist übrigens nie Marzipan enthalten. Den ursprünglich handelt es sich bei dem 1324 erstmals in Naumburg (Sachsen-Anhalt) und erst  1494 als Christbrod in der sächsischen Landeshauptstadt schriftlich erwähnten Gebäcks um eine eher karge Fastenspeise für die Zeit bis Weihnachten (der 11.11. als Karnevalstermin ist also kein Zufall). Der Advent war bereits in meiner Kindheit auch im römisch-katholischen Jahreslauf keine Fastenzeit mehr, aber anders als ausgestochene Plätzchen oder anderes Weihnachtsgebäck, von dem zumindest ein Teil zum direkten Konsum zur Verfügung gestellt wurde, wurden die in Alufolie verpackten Stollen für ein paar Wochen im sogenannten Fremdenzimmer aufbewahrt, dessen Benennung auf den mitunter misstrauischen Charakter der Nordeifler schließen lässt. Kein Felsenstollen, aber immerhin, so denn kein Besuch einen Strich durch die vorweihnachtliche Haushaltshaltung machte, ein kühler und dunkler Ort, an dem neben Stollen auch andere tabuisierte Gegenstände wie die Nähmaschine meiner Großmutter oder von meiner Mutter gehortete kleine Geschenke für überraschend auftauchende Kindergeburtstage aufbewahrt wurden.

Stollen-Fladen, Lammersdorf, Dezember 2010

Jahre später, ich war längst zuhause ausgezogen, entdeckte ich in der Fremde meine sentimentalen Gefühle für buttergetränkten schweren Hefeteig mit Rosinen, Mandeln, kandierten Früchten und Marzipan, denn in den Niederlanden enthielt der nur en miniature erhältliche Stollen eine in meinen heimwehgetrübten Augen frevelhafte und unverhältnismäßig süße Kirschfüllung. Ich bat meine Mutter am Telefon um das Rezept. Während ich ein handgeschriebenes Familienrezept – so nicht über Generationen vererbt, doch mindestens von meiner Großmutter notiert – erwartete, fand ich ein paar Tage später im Briefkasten die nüchterne Kopie eines Rezeptvorschlags aus einer Zeitschrift. Vermutlich aus der „Essen und Trinken“, der „Meine Familie und ich“ oder wie die Zeitschriften auch hießen, die in den 1970er Jahren, als meine Eltern ihre Familie und den dazugehörigen Traditionskanon erfanden.

Vermutlich werden auch andere Kinder der 70er und 80er vergleichbare Erinnerungen an den Stollen haben, denn das gegenwärtige Angebot der weihnachtlich assoziierten Backwaren in den Bäckereien und Supermärkten ist voll von Stollen-Derivaten. Netto vertreibt bundesweit kleine gepuderte Stückchen als Stollenkonfekt, die Comfiserieabteilung des Stuttgarter Kaufhauses Breuninger bietet entsprechend inspirierte französische Macarons und in einer Nordeifler Dorfbäckerei entdecke ich einen Stollenfladen. „Das ist ein Stollenteig mit Rosinen, Mandeln und Orangeat“, erklärt mir die Fachverkäuferin, „der ist bis Weihnachten haltbar.“ Ihr Blick, als ich das Gebilde fotografiere, schwankt zwischen Irritation und Stolz.

Im selben Dorf wuchs mein Vater auf, der mir erzählt, dass der in den Nachkriegsjahren vom in Dresden tätigen Patenonkel mit der Post geschickte Stollen derart verkrümelt ankam, dass er direkt mit dem Löffel aus dem Paket gegessen wurde. Da scheinen sich die Generationen wieder zu treffen. „Ich hoffe ganz dolle dass du uns auch einen geschickt hast!!!“, lautet der Schlusskommentar eine Freundin meines Freundes auf Facebook, „Jammie!!“

Stollen-Macarons, Stuttgart, Dezember 2010

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