ethnografische notizen 016: spätzle

1 Dez

Kaufhaus Tritschler, Stuttgart, November 2010

Die Küchenabteilung im Kaufhaus Tritschler von 1723 am Stuttgarter Markt befindet sich auf der 4. Etage. Vorbei an den unvermeidlichen Rosina-Wachtmeister-Katzen, an Hummelfigürchen und Edelstahlkaminen weisen rechts auf Hochglanz polierte Espressoautomaten den Weg zu den Küchenmaschinen, während der Weg nach links in ein kleinteiliges Universum aus Kochutensilien und Nippes führt. Pastamaschinen, mit und ohne Motor, Abdeckhauben für Puddingschüsseln mit bunt-fruchtigem Design und Speiseeisportionierer in den Größen Finanzkrise und Wirtschaftswunder. Schlichte sachdienliche Regalsysteme stehen unter hellem Neonlicht auf grauer pflegeleichter Auslegeware. Mittendrin entdecke ich das Spätzleregal mit Brettern, Messern und Schabern in allen Formen und Materialien.

Ich erinnere mich an Frau B., die, aus Stuttgart stammend, in unserem fast vergessenen Dorf in der Nordeifel ihre schwäbischen Hausfrauentugenden hochhielt und einmal wöchentlich die Mülltonne auswusch. „Frau B. kann die Spätzle vom Brett schaben“, sagte meine Mutter bisweilen, während sie eine Art metallene Presse benutzte, die ich jahrelang fälschlicherweise für ein Werkzeug zur Herstellung von Spaghettieis hielt. Unter der Brettschabe-Technik konnte ich mir damals so gar nichts vorstellen, kam die süddeutsche Pastaversion doch bei uns sehr selten auf den Tisch. Selbst an den Gebrauch der auf einem der unteren Regalbretter in der Speisekammer ein angestaubtes Dasein führende Presse kann ich mich trotz eines bereits frühen Interesses für Küchengerät nicht wirklich erinnern. Frau B. hingegen, geschätzte 1,55 Meter klein, spielte später eine durchaus große Rolle in meiner kulinarischen Entwicklungen, als sie mir nämlich 1984 mit der deutschen Ausgabe des schwedischen Kinderbuchklassikers „Linus lässt nichts anbrennen“ zu meiner Erstkommunion mein erstes eigenes Kochbuch schenkte. Daraus bekochte ich in den kommenden Jahren meine Schwester und meine Eltern während der Schulferien. Spätzle kamen da aber leider nicht vor. Die hielten erst Alltag in meinen Kochkanon als ein Freund aus dem Saarland zum Studium nach Stuttgart emigrierte und mir bei einem Besuch im Rheinland ein Spätzlesieb mitbrachte.

Eine ähnlich gelöcherte Metallscheibe mit beiliegendem Plastikschaber zur Herstellung von Knöpfle, der rundlichen Kurzversion der Spätzle, findet sich auch im Regal im 4. Stock am Stuttgarter Markt. Auf Augenhöhe hängen die klassischen Spätzlebretter mit Haltegriff und abgerundeter Schabekante. Auch erhältlich im Set inklusive eines schlichten Metallschabers für nur 16,95 Euro. Hinter der etwas aufdringlichen Präsentation eines sogenannten Spätzle-Shakers entdecke ich ein schlichtes Holzwerkzeug für 3,70 Euro, das allenfalls noch einem hölzernen Kochmesser ähnelt. „Vielleicht um den Teig auf das Brett aufzutragen“, sagt einer meiner Freunde. „Oder um den Topf auszukratzen“, mutmaßt ein anderer.

Feinkost Böhm, Stuttgart, November 2010

„Entschuldigen Sie bitte“, sage ich zu den beiden Verkäuferinnen, die in ihren flauschigen Pullovern und kniehohen Stiefeln der Kundschaft mit einem stets freundlichen Lächeln zu Diensten sind, „können Sie mir bitte sagen, was das für ein Gerät ist?“ Die beiden schauen mich ungläubig an, so als hätte ich gerade verkündet, dass die Baumschützer der Abholzung des gesamten Stuttgarter Schlossgartens zugestimmt hätten. „Was mache ich denn hiermit?“, paraphrasiere ich meine Frage. „Spätzle freilich“, antworten beide synchron im weichsten Schwäbisch und alle drei müssen wir lachen. „Haben Sie Nachsicht mit mir“, sage ich, „ich bin Rheinländer.“ Nachdem der Groschen gefallen ist erklären sie mir, dem Nichtschwaben, dass es sich um einen traditionellen Schaber handele und das es keinen Sinn mache, sowohl die Metallversion als auch das Holzgerät käuflich zu erwerben.

Auf dem Weg zur Kasse passiere ich einen kleinen Tisch mit geschnitzten Springerleformen. Ohne Anleitung erschließt sich mir nicht wirklich, wie die fragilen Formen von Blumen, Herzen und Schornsteinfegern auf das bleiche Anisgebäck kommen, das ich zuvor auf dem Weihnachtsmarkt erstanden habe. Aus der Ferne lächeln die beiden wolligen Damen mir wohlwollend zu. Hastig greife ich nach einer Form mit zwei winzigen Birnen und stelle mich in die Kassenschlange mit Kartenzahlung.

Eine Antwort to “ethnografische notizen 016: spätzle”

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  1. ethnografische notizen 57: linsen mit spätzle « nachschlag – esskultur in wort und bild - 17. Oktober 2012

    […] kaufe, fehlt sie jedoch. Ich will ja keine alten Spätzle(-geschichten) wieder aufwärmen (etnografische notizen 016 vom 01.12.2010), aber diese leicht verächtliche Einleitung und anschließende unbeholfene Beschreibung der […]

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