ethnografische notizen 015: weihnachtsmarkt in stuttgart

30 Nov

Steckerlfisch auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, November 2010

Der Stuttgarter Weihnachtsmarkt ist voll. Menschenmassen schieben sich durch die eiskalte Innenstadt Richtung Schillerplatz. Die Dächer der Stände sind aufwendig mit musizierenden Engelfiguren und Waldtieren dekoriert, mit Tannengrün und ausgesägten Sternen. An den Ecken stehen Kinder und spielen Blechinstrumente oder singen und vor dem Rathauseingang informiert ein Schild darüber, dass die Öffnungszeiten aufgrund der Schlichtungsgespräche in Sachen Bahnhofsbau angepasst wurden.

Wir kaufen einen Steckerlfisch, eine im Ganzen auf einem Stock gegrillte Makrele. „Eigentlich keine schwäbische Spezialität“, sagen unsere ortskundigen Begleiter, „eher aus München.“ Die Bedienung hingegen kommt weder aus Bayern noch aus Baden-Württemberg, sondern wie ihre Kolleginnen auch offenkundig aus Polen. Ihre kunstvoll gestalteten French Nails stechen durch die Gummihandschuhe, während sie gekonnt das Steckerl aus dem Fisch zieht. „15 Euro 80“, sagt sie und im ersten Moment glaube ich, dass sie sich versprochen hat. Doch es stimmt, das Tier kostet 3,50 Euro pro 100 Gramm. Die dicht um den Stand gedrängten Menschen zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken und verspeisen den auf Papier liegenden Fisch mit sichtbarem Genuss. Das Klischee der sparsamen Schwaben bestätigt sich hier nicht, eher die Behauptung, dass gute Ware auch etwas kosten darf. Eine andere Bedienung wirft eine Handvoll Zwiebelringe unter die aufgereihten prallen Fische, die zischend auf der Holzkohle verbrennen.

Das Finnische Weihnachtsdorf um die Ecke bietet Glögi, Flammlachs und Rentierfelle, ist aber, zumindest um diese Uhrzeit kaum besucht. Die Stuttgarter und auch die allgegenwärtigen Schweizer Tagestouristen halten sich lieber an die lokalen Spezialitäten. „Schupfnudeln mit Kraut“, höre ich einen behäbigen Mann im Vorbeigehen zu seiner Frau sagen, „des isch was Gudes bei dem Wedder.“

Springerle auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, November 2010

Gut gehen bei dem Wetter auch die Roten Würste, die nebenan im Sekundentakt verkauft werden. „In Schwaben und Südbaden eine beliebte Bratwurste“, recherchiere ich später bei Wikipedia. „ Sie ähnelt einer Bockwurst und enthält sehr feines Brät aus Schweinefleisch und Speck“, heißt es weiter. „Das Brötchen nicht wert, in dem man sie bekommt“, beschwert sich unser hessischer Begleiter, der vorsorglich zur Thüringer Bratwurst gegriffen hat, „an Wurstkultur ist es hier eher etwas arm.“ Einen armen Eindruck erwecken die Stuttgarter an diesem Samstagnachmittag jedoch nicht Die Geschäfte scheinen gut zu gehen, da unterscheidet sich dieser nicht von anderen Weihnachtsmärkten. Doch das Angebot der Imbissstände ist nur auf den ersten Blick mit dem der rheinländischen Buden vergleichbar. Hutzelbrot gibt es hier, ein dunkles Früchtebrot, Trollingerglühwein wird beworben, Butter-S (Vanillegebäck mit Hagelzucker) und Springerle (Anisplätzchen) werden verkauft. Allesamt Produkte mit einem deutlich lokalen Charakter. In Aachen gibt es immerhin Printen, in Köln hingegen außer Kölsch kaum ein Gericht oder ein Getränk, dass nicht an jedem beliebigen Ort der Republik in der gleichen Form zu finden wäre. Irgendwie reich, dieses Stuttgart.

Hutzelbrot auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, November 2010

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