ethnografische notizen 012: ungarn 03

28 Nov

22. November 2010 – Pécs

Hotel Palatinus, Pécs 2010

„Continental breakfast?“, werde ich gefragt als ich nach dem Frühstück mehr als satt in der Heimat anrufe. „Hungarian continental“, sage ich, „ mit Paprika in allen Formen und Farben.“ Vor allem die warmen, gebratenen Paprikawürstchen, kolbazs genannt, die es neben verschiedenen Eiergerichten, Bratkartoffeln und Bockwürstchen am warmen Buffet gibt, entsprechen den Stereotypen ungarischen Essens. Fleischlastig, deftig und immer mit einer ordentlichen Portion Paprika gewürzt. Selbiger findet sich ebenfalls als Gewürz im kräftig schmeckenden Topfenkäse, im Salamiaufschnitt und als grünbleiches Gemüse im Salat. Später am Tag begegnen wir dem Nationalgemüse als Dekorationselement auf einer Vase der zu k.u.k.-Zeiten weltberühmten Pécser Porzellanmanufaktur Zsolnay.

Porzellan und Paprika sind jedoch nicht der einzige Beitrag Ungarns zur Esskultur. Gegenüber unseres Hotels befindet sich eine Spirituosen- und Weinhandlung, deren Obstwasserangebot (ungar. palinka) uns für einige Zeit beschäftigt. Schnapsetiketten eignen sich dabei hervorragend, um zumindest einzelne ungarische Worte zu lernen. Barack, Barac-k gesprochen, bezeichnet hier nicht den amerikanischen Präsidenten sondern eine Aprikose, szilva heißt Pflaume und birs bedeutet Quitte. Am besten gefällt mir aber Pirosribizli – rote Johannisbeeren, die ganz offensichtlich von den Österreichern (österr. Ribisel) hier eingeführt wurden. Ich entscheide mich erst einmal für Fekete ribiszke pálinka und Szilva pálinka und investiere dann kurzentschlossen noch in eine Flasche Tokaji Sárgamuskotály Törkölypálinka aus dem Jahr 2006, der wenn er so gut ist, wie der Marc de Gewürztraminer denn ich im letzten Urlaub im Elsass ausgeschenkt bekam, eine ganz eigene Erfahrung verspricht.

Zsnolnay Fabrik, Pécs, November 2010

Wie die Johannisbeeren erinnert auch der auch im November noch präsente Kürbis an die österreichischen Jahre Ungarns. In der Fußgängerzone unweit des Hotels befindet sich eine kleine Holzbude, aus der eine sehr freundliche mittelalte Dame in einer altrosafarbenen Fleece-Weste Glühwein und Kuchen verkauft. Auf der Theke ein Teller mit Kürbisvierteln in denen eine weiße Plastikgabeln stecken. Für 300 Forint, also umgerechnet 1,20 Euro erstehe ich ein Stück. Wie mir scheint vollkommen ohne Fett oder Gewürz im Ofen gebacken schmeckt der weiche, wenn auch ein wenig kalte, Kürbis süsslich aromatisch –  ganz ohne Fleisch.

Pécs, November 2010

Während ich später auf dem Hotelzimmer eine Pause mache, schaue ich auf RTL Klub die ungarische Version von „Das perfekte Dinner“. Vacsora csata heißt das Format hier und ist bis auf die Titelgestaltung und den Sprecher exakt identisch mit seinen Pendants in den anderen europäischen Ländern. Auch hier sind Kochen und Essen längst in den Hintergrund getreten und die Anstrengungen des heutigen Protagonisten, der sich bei den Vorbereitungen für den Abend wieder mal in den Finger schneidet, werden von Werbespots für Milka, McDonald’s und eine Gyros-Gewürzmischung von Maggi unterbrochen. Die Sendung ist, wie in Deutschland auch, so vorhersehbar, dass man sie auch ohne Worte versteht. Die Kandidaten nörgeln zwischen den Gängen über den Humor der zur Überbrückung der Pausen ausgedachten Spiele, finden die Zeit zwischen den einzelnen Gängen zu lange und entdecken ganz zufällig Geheimnisse aus der Vergangenheit des Kochs – in diesem Fall die Gesangsaufnahme der ungarischen Version des holländischen Grand-Prix Hits „Dingedong“ durch den in der Küche rotierenden Mitvierziger.

Die Schlager im Restaurant Afium sind um einiges älter, Edith Piaf und Charles Aznavour passen irgendwie zum Interieur, dass wie am Vorabend auch, dem Charme eines Antiquitätengeschäfts entliehen ist. Foglalt, besetzt, steht auf den Papierschildern, die auf den meisten Tischen des an diesem Dienstagabend weitgehend leeren Lokals platziert sind. Ein Reflex aus sozialistischen Jahren? Die Kellnerin ignoriert jedenfalls geflissentlich, dass ich das Schild übersehe. Die Speisekarte ist groß und nicht nur ins Englische und Deutsche, sondern auch ins Kroatische übersetzt. Auch die Angebote verzeichnen mit Gerichten wie Bifteki mit Schafskäsefüllung oder Schweinekotelett mit Hühnerleber einen deutlichen Balkan-Einschlag. Das überrascht nicht, ist die kroatische Grenze doch keine vierzig Kilometer von hier entfernt und gehört die bosnische Minderheit seit Jahrhunderten zur Kultur der Stadt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s