ethnografische notizen 010: ungarn 01

28 Nov

21. November 2010 – Budapest

Budapester Weihnachtsmarkt, November 2010

Der kulinarische Teil meiner Ungarnreise beginnt unspektakulär. Ich reiche der freundlichen Stewardess meinen vorab ausgedruckten Germanwings-Gutschein für ein Happy Picnic, dessen Analogien zum McDonalds-Klassiker vermutlich kein Zufalls sind. „Was möchten Sie dafür“, fragt sie geduldig. „Was gibt es denn“, möchte ich wissen. Sie zieht die Menükarte aus der Sitztasche meines Nachbarn und erläutert die Kombinationsmöglichkeiten aus Muffin, Schokocroissant und Wasa-Sandwich mit diversen Kalt- oder Heißgetränken. Ich entscheide mich für Orangensaft und das Wasa-Sandwich und erhalte eines der Sorte „cream cheese and chives“. Zwei Knäckebrotscheiben mit Frischkäse dazwischen, die auf wundersame Weise – laut Aufschrift ohne Konservierungsstoffe –  nicht pappig und weich werden, sondern vermutlich sogar bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum im August 2011 frisch und knackig bleiben.

Auch in Budapest werde ich zunächst mit den Segnungen der Globalisierung konfrontiert. „Egészségedre“, sagt mein ungarischer Bekannter, der mir voller Stolz sein umgebautes Häuschen unweit der Innenstadt zeigt und reicht mir zum Jägermeister ein Glas belgisches Stella Artois, „was möchtest Du essen gehen?“ „Na ungarisch halt“, antworte ich.

Der Weihnachtsmarkt mitten im Zentrum sieht zunächst einmal aus wie in Deutschland auch. Kleine braune Holzbuden mit Weihnachtsartikeln, Spielzeug und Schmuck. Um diese Zeit haben die meisten Buden jedoch bereits geschlossen, nur noch ein paar Grüppchen sitzen auf dem mit Tischen und Bänken eingerichteten Podium auf der Mitte des Platzes und trotzen dem schlechten Wetter. Ein paar Meter weiter verkauft eine junge Frau Glühwein aus großen verzierten Krügen, die auf einem alten Ofen stehen. Daneben Glasvitrinen mit großen fast schwarzen Würsten, dicken Scheiben Polenta, Pommes und großen Stücken Schweinefleisch am Knochen. Auf der Theke stehen eine kleine Schüssel mit eingelegten grünen Peperoni und ein Blech mit Gurken, Sauerkraut und Paprika. Ich überlasse die Auswahl meines Abendessens Ferenc, der nach längerem Informationsaustausch mit der Verkäuferin mit einem großen Stück Fleisch, einer Polenta mit saurer Sahne und zwei hellgelben, kleinen runden Paprikaschoten. Beim Essen mit Plastikbesteck erzählt er, dass die Qualität des Essens in Budapest sich in den letzten Jahren wesentlich verbessert habe, dennoch hier und da zu wünschen übrig lässt. So habe die Frau von vorhin einer Kundin nicht sagen können, aus welchem Fleisch die Würste seien, die sie verkauft. „Das sind wir gewohnt“, sagt er, der, für einen Ungarn eher untypisch, nur Geflügel isst, „wenn ich bei uns in der Kantine so eine Frage stelle, muss auch erst immer der Koch gesucht werden.“ In meinem Fall handelt es sich eindeutig um Schweinefleisch, dass mit einem Haxenknochen daherkommt und mich mit einem angenehm kräftigen Pökelgeschmack an österreichisches Selchfleisch erinnert. „Ein typisches Winteressen“, erklärt Feri, „das hat meine Mutter früher auf dem Land auch so gemacht“. Die Polenta hingegen sei vor einigen Jahren noch eher unbekannt gewesen und hier in der Region ein transsilvanischer Einfluss. Die Paprika sind in sauer eingelegt, erstaunlich dickfleischig und ziemlich scharf. „Die braucht man zur Verdauung. Ungarisches Essen ist ja nicht unbedingt leicht.“

Unterstützung finden die Paprika dann auch nach einem kleinen Spaziergang entlang der Donau in einer Bar in der Nähe der Kathedrale. Pálinka, das ungarische Wort für Schnaps kann ich gerade noch erkennen, bin dann aber doch froh, einen fachkundigen Begleiter an meiner Seite zu haben. Wir beschließen den Abend mit Kaffee und einem mittelstarken Aprikosen-Pflaumen-Likör.

Budapest, November 2010

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