ethnografische notizen 008: stattgarde-kölsch

14 Nov

Köln 2010

Die StattGarde Colonia Ahoj e.V. – Kölns prominentester mehrheitlich schwuler Karnevalsverein – eröffnet mit dem Captain’s Dinner im Kölner Pullmann Hotel den öffentlichen Teil der neuen Session. Die steile Karriere des Vereins in den letzten Jahren hat deutlich gemacht, dass die Zukunft Kölner Brauchmuster im alternativen Karneval zu suchen ist. Wo andere Gesellschaften mit Bedeutungsverlust und Mitgliederschwund zu kämpfen haben, legte die StattGarde mit einer Bordkapelle aus den eigenen Reihen und vielfach ausverkauften Veranstaltungen neue Maßstäbe vor.

“Die einzigartige Mischung aus Karneval, Sitzung und Party mit “PEP” und Stil”,
steht im Kleingedruckten der Eintrittskarte der Auftaktveranstaltung, “Inklusive Welcome-Prosecco, Dinner-Snacks”. Doch während das mehr als vierstündige anspruchsvolle Programm zeigt, in welche Richtung der Karneval in der Zukunft gehen könnte, bleibt das kulinarische Angebot weit hinter dem Anspruch zurück und steht in einem starken Kontrast zur ansonsten so detaillierten und liebevollen Ausgestaltung des Abends.

Der Prosecco, zumindest dem Glas nach handelt es sich dabei um einen Sekt, wird leider nicht schon im Foyer gereicht, sondern erst mit Beginn der Veranstaltung, als die meisten Zuschauer und Zuschauerinnen schon ein anderes Getränk in der Hand halten. Und Wein und Bier verträgt sich nun mal nicht nur physiologisch, sondern auch geschmacklich nicht. Während der Wein zu den üblichen überhöhten Preisen flaschenweise serviert wird, kommt das Kölsch im Pittermännchen (zehn Liter) zu 105 Euro. Umgerechnet mit 2,10 Euro für ein 0,2-Glas nicht billig, mit dem gehobenen Anspruch des Abends im Blick aber durchaus in Ordnung. Dass hiermit die gesetzliche Vorschrift, dass das billigste verkaufte Getränk nicht alkoholhaltig sein darf, nonchalant umgangen wird (Cola/Wasser 3,80 Euro) lassen wir mal außen vor. Kölsch schmeckt nun einmal am besten frisch vom Fass und muss in diesem Fall nicht erst vom Kellner quer durch den Saal getragen werden. Das von den uniformierten Mitgliedern der Garde an die Tische gebrachte Tablett mit den angekündigten Dinner-Snacks hingegen ist – mit Verlaub gesagt – ein liebloser Haufen billiger Industrieprodukte. Leicht knatschige Mini-Röggelchen, wohl vor so langer Zeit mit dicken Scheiben Gouda belegt, dass dieser an den Seiten schon die “Fluutschen strecken”, wie mein in Köln gebürtiger Mann sagen würde. Vertrocknete Minibratwürstchen und eine undefinierbare Fischpaste in bröseligem Blätterteig. Daneben kleine Frikadellen, bei deren Genuss man den Weg aus der Plastikpackung in die Mikrowelle lebhaft vor Augen hat sowie etliche Tütchen mit Ketchup und Senf. Da beweist das Glas mit Salzstangen inmitten des Arrangements noch wenigstens ein bisschen Sinn für Humor. Abgerundet wird das Angebot mit wiederum vom Vereinspersonal à la Traumschiff mit kleinen Feuerwerken in den Saal getragenen Teller mit Berlinern, die jedoch nach Verzehr einen geradezu penetranten Geschmack nach künstlichem Fruchtaroma hinterlassen.

Das “Captain’s Dinner” wird voraussichtlich im nächsten Jahr schon lange vor dem 11. November ausverkauft sein. Zurecht!! Doch wenn die StattGarde ihrem Ruf als neuem Statthalter Kölner Traditionen gerecht werden will, dann kommt sie nicht umhin, in der kommenden Session mal ein paar Hundert Euro mehr ins kulinarische Brauchtum zu investieren – kölsche Vorlagen gäbe es mehr als genug. Die einzigartige diesjährige Kooperation mit der Sünner-Brauerei zu einem eigenen StattGarde-Kölsch ist da ein hervorragendes Beispiel. Eigentlich sollte es doch auch möglich sein, bei den Dinner-Snacks die “Konkurrenz” vor Neid erblassen zu lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: