ethnografische notizen 004: instant nudelsuppe „mama“

3 Nov

Köln 2010

Wer gegenwärtig in deutschen Innenstädten auf den Boden schaut, wird mit etwas Glück irgendwo im Rinnstein oder auf dem Bürgersteig ein kleines silberblaues Tütchen mit der Aufschrift „seasoning“ entdecken. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der gezackte Rand des kleinen Quadrats unversehrt und enthält die Packung eine kleine Menge rötlich-braunes Pulver mit weißen Kristallen. Mit noch höherer Wahrscheinlichkeit befindet sich der Fund in der Nähe einer weiterführenden Schule und ist ein anschauliches Indiz für den flexiblen Umgang von Jugendlichen mit Ernährung. Denn diese in der bunten Plastikverpackung asiatischer Nudelsuppen enthaltenen Gewürzmischungen sind für die hauptsächlich minderjährigen Konsumenten des Produkts eher Nebensache. Die dünnen Nudeln werden in den meisten Fällen nämlich nicht mehr, wie vom Anbieter vorgesehen, mit heißem Wasser übergossen und mit dem Inhalt eben eines solchen Tütchens geschmacklich angereichert, sondern schlichtweg aus ihrer gewellten Blockform herausgebrochen und trocken verzehrt. Eine weiterzuverarbeitende Einzelzutat wird so problemlos zu einer billigen und problemlos zu verzehrenden Zwischenmahlzeit umfunktioniert. Aber auch die Kioskbetreiber rund um den Bildungsbetrieb, die längst den klassischen Schulbäcker abgelöst haben, erweisen sich als geschäftstüchtig und bieten die Nudelsuppenpäckchen kurioserweise gleich mit diversen Aromen an, auch wenn die Geschmacksträger zumeist achtlos auf dem Boden vor ihren Geschäften landen.

Ein Produkt schafft sich ganz unbemerkt seinen eigenen Markt. Denn während die Nudelsuppe im deutschsprachigen Kontext seit der Erfindung der gutbürgerlichen Küche in der Boomzeit des neuen Kaiserreichs im 19. Jahrhundert vor allem als Vorgericht im Rahmen von Hochzeiten oder vergleichbaren repräsentativen Inszenierungen zu finden ist, ist sie in Teilen Südostasiens in Form von Fertiggerichten längst zu einem unverzichtbaren Bestandteil des durchorganisierten Alltags geworden. Erfunden wurde sie in Japan, das eine reich ausdifferenziert Suppenkultur mit den drei Haupt-Nudelkategorien Ramen, Udon und Soba vorzuweisen hat. 1958 brachte Nissin Foods in Osaka erstmals ein auf vorgekochten und gefriergetrockneten Nudeln basierendes Gericht unter dem Titel „chicken ramen“ auf den Markt und setzte 13 Jahre später mit der Erfindung der „Cup Noodles“ internationale Standards. Das hierzulande wohl am meisten verkaufte Produkt ist eine Nudelsuppe des thailändischen Herstellers Thai President Foods. Die Markenbezeichnung „Mama“ (international ergänzt durch „Mamy“, „Pama“ und „Papa“) lässt vermuten, dass auch dort die Substitution herkömmlicher Ernährung nicht ganz ohne ein ungutes Gefühl beim Konsumenten verlaufen sein wird. Das Corporate Design seiner Würzmittelverpackung ist aber auch bei uns längst zu einer optischen Bereicherung des Straßenbildes geworden.

Aachen 2010

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