ethnografische notizen 002: lausitzer mohnpielen

29 Okt

Berlin 2009

Der westdeutsche Gaumen kennt die Verwendung von Mohn allenfalls aus der Backstube in Form von viel zu trockenen Brötchen und leicht knatschigen Striezeln. Dabei kann Schlafmohn auch in der eigenen Küche so richtig glücklich machen.

Die „Lausitzer Mohnpielen“ für 4,90 Euro auf der deftig-touristischen Speisekarte der Brauhauses im brandenburgische Schlepzig, am Rande des Spreewalds gelegen, versetzen mich daher sofort in eine freudige Erwartungshaltung.Der bis weit nach Osteuropa hinein verbreitete Nachtisch aus Mohn, Brötchen, Mandeln und Rosinen entpuppt sich im vorliegenden Fall allerdings als eine eher fade, zementartige Masse mit vereinzelten Rosinen und der im Sommer obligatorischen Johannisbeerrispe als Dekor. „Mäßig“, urteilt mein Freund Rainer, ein durch ein Slawistikstudium und mütterliche Kochkunst ausgewiesener Mohnpielenkenner, „das geht auch besser!“

Hauptbestandteil des im Idealfall sämig-nussigen Nachtischs sind die fetthaltigen Samen des Schlafmohns (Papaver somniferum), derselben Pflanze, aus deren Milchsaft die Droge Opium und deren Derivate gewonnen werden. Die beiden in Deutschland verkauften Sorten sind jedoch morphinreduziert, enthaltene Restmengen werden durch Hitze unwirksam, daher der übliche Hinweis auf die Unverträglichkeit des Verzehrs in rohem Zustand. In deutschen Supermärkten findet sich Mohn in unbehandelter und gemahlener Form sowie als fertige Füllung für Backwaren.  Frequenz und Auswahl nehmen in Richtung Süd-Osten der Republik zu – im niederösterreichischen Waldviertel wird auf einer Fläche von bis zu sieben Hektar wird Mohn angebaut, in Polen gelten die roten Blüten als Nationalsymbol und so manche böhmische Mehlspeise erhält ihr besonderes Aroma durch die kleinen grauen Samen.  Fertigmischungen sind aufgrund des enthaltenen Zuckers sowie diverser Zusatzstoffe nicht zu empfehlen; ungemahlener Mohn ist nur bedingt aromatisch, man kann ihn aber beispielsweise in einer alten Kaffemühle hervorragend selber weiterverarbeiten.

Für die Mohnpielen drei altbackene Brötchen in kleine Würfel schneiden, mit 125 Gramm Mohn, 40 Gramm Butterflöckchen, einer Prise Zimt und je 75 Gramm Zucker, gestifteten Mandeln, einem Hauch von Bittermandel und in über Nacht in Rum (oder Likör) eingeweichten Rosinen mischen und mit einem halben Liter kochender Milch übergießen. Alles gut vermischen und am besten noch lauwarm auftischen.

Eine Antwort to “ethnografische notizen 002: lausitzer mohnpielen”

Trackbacks/Pingbacks

  1. Gartennotiz 006: Memento Mohn | Kressesüppchen - 2. Juni 2013

    […] wenn der Mohn, der auf Mohnbrötchen oder im Mohnkuchen sowie anderen Süßspeisen, wie z.B. die Lausitzer Mohnpielen oder den Schlesischen Mohnklößen von Freundin B. Verwendung findet, eben aus jenem Schlafmohn […]

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